Helge Schneider: "Akkordeon ist wie Hanteltraining"

Interview26. Juni 2013, 17:39
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Der Musiker und Entertainer, am Donnerstag zu Gast beim Jazzfest Wien, übers Komponieren, Jazz und die Last, Multiinstrumentalist zu sein

STANDARD: Tourneen: Eher Lust oder Last? Sie sind gerade wieder heftig unterwegs.

Schneider: Wenn es mengenmäßig im Rahmen bleibt, ist das in Ordnung. Mich freut es dann einfach, in Städte zu kommen, zu wissen: Es ist Sommer! Das ist ja nicht nur Arbeit, mein Beruf ist schließlich auch aus einem gewissen Talent entstanden. Deswegen würde ich nie sagen: "Ach, ich muss jetzt arbeiten." Obwohl: Ich muss auch davon leben, und das heißt, dass ich schlicht auch funktionieren soll, wobei ich Auszeiten brauche. Ich sage dann: "Machen wir doch mal ein paar Monate lang bitte keine Verträge." So kann ich ausspannen, und die Ideen kommen dann von allein.

STANDARD: Wohl auch für neue Songs. Sind Sie ein schneller oder ein langsamer Komponist?

Schneider: Die besten Lieder, die ich komponiert habe, sagen wir mal "Katzeklo", entstanden im Moment, waren plötzlich da. Das sind so Eingebungen. Oder damals, als ich den ersten Film gemacht habe, "Johnny Flash", mit Regisseur Werner Nekes - der hat gesagt: "Komm, mach doch mal ein paar Lieder!" Ich habe mich dann hingesetzt und in drei Stunden sechs Lieder gebastelt. Manchmal brauche ich also Leute, die sagen: "Mach mal dies, mach mal das!" Oder: "Mach doch mal was!" Ich muss sagen: Was ich am besten kann, ist Musik machen und singen, dabei sollte ich auch bleiben. Es ist mir nun auch wieder geglückt, einen schönen Song aus dem Hut zu zaubern. "Sommer Sonne Kaktus" heißt er, wie auch das neue Album, das im August rauskommen wird.

STANDARD: Sie kommen ja eigentlich vom Jazz, und Sie treten jetzt in Wien auch bei einem Jazzfest auf. Vom welchem Stil wurden Sie geprägt, welche Epoche hat Sie beeinflusst?

Schneider: Es war eigentlich immer der Bebop. Der bleibende Eindruck: eine Schallplatte von Trompeter Miles Davis auf dem Sperrmüll finden. Dann waren auch Saxofonist Rahsaan Roland Kirk, Trompeter Dizzy Gillespie wichtig - und natürlich Saxofonist Charlie Parker. Gillespie und Parker haben zu zweit gespielt, teilweise auch gesungen und in jedem Fall Spaß vermittelt. Das habe ich schon vor 45 Jahre gehört und sofort verstanden, gefühlt: Das ist meine Richtung!

Charlie Parkers Nummer "Now's The Time", quasi "Jetzt oder nie!" - das ist bei mir immer haften geblieben. Klar, als deutscher Jazzmusiker hat man jahrzehntelang Minderwertigkeitskomplexe, weil man kein Ami ist. Diese schönen Songs wie etwa "Over The Rainbow": Du hast die ja nicht in deinem Kopf, nicht in deiner Sprache.

Auf Deutsch klingt das alles ein bisschen aufgesetzt und jedenfalls nicht original. Es dauert und dauert also, bis man auch mal original wird, es braucht einen langen Weg, bis man Teil dieser Musik wird. Jetzt habe ich das Gefühl, Teil der Musik zu sein. Das ist das Ziel!

STANDARD: Was Ihnen bei Konzerten aber immer gelingt, ist die erstaunlich versierte Handhabung sehr vieler Instrumente. Wie wurden Sie zum Multiinstrumentalisten?

Schneider: Das kann ich überhaupt nicht sagen.

STANDARD: Gut. Aber wie darf man sich Ihr Übungspensum vorstellen? Es ist schon schwer genug, auf einem Instrument Konzertniveau zu erreichen.

Schneider: Na ja. Ich habe immer so bestimmte Zeiten für etwas: Zum Beispiel habe ich jetzt ziemlich viel Gitarre geübt, damit ich die Lieder, die ich so spiele, nicht nur auf dem Klavier bringe. Die Gitarre kannst du auch umhängen und überall hin mitnehmen. Ich habe mir auch das Akkordeon wieder vorgenommen, obwohl: Da tue ich mir echt schwer, das Instrument ist auch körperlich eine ziemliche Belastung. Akkordeon ist wie Hanteltraining. Oder das Saxofon: Das geht ja unglaublich in die Bauchmuskulatur und auf die Lunge. Ist sehr anstrengend. Auch Klavierspiel ist körperlich anstrengend. Das spiele ich allerdings jeden Tag.

STANDARD: Bei Ihrem letzten Besuch beim Wiener Jazzfest haben Sie in der Staatsoper an einer Stelle drei Minuten lang nur Gitarre gestimmt. Witzige Nummer. War sie improvisiert?

Schneider: Reine Improvisation. Wenn ich das dann allerdings jeden Abend mache, dann entwickeln sich Dinge, die halt neu variiert werden. Improvisation ist wichtig. Jeder Mensch muss irgendwann mal improvisieren, so ist halt das Leben. Etwa bei Katastrophen. Was meinst du, was da so in Passau wegen der Hochwasser improvisiert werden musste? Furchtbar! (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 27.6.2013)

Helge Schneider, 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren, ist Entertainer, Schriftsteller, Film- und Theaterregisseur, Schauspieler, vor allem aber Multiinstrumentalist und Komponist. Sein größter Hit war "Katzeklo" (1993).

"Helge Schneider & Gäste – Sommertour": 27.6.,  19.30 Uhr, Wiener Stadthalle D

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    Multitalent und Spaßvogel Helge Schneider: "Als deutscher Jazzmusiker hat man jahrzehntelang Minderwertigkeitsgefühle, weil man kein Amerikaner ist."

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