Wut im Bauch

26. Juni 2013, 16:51
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Eheprobleme der Eltern, unmittelbare Konfrontation mit der Armut oder einprägsame, negative Erfahrungen mit Gleichaltrigen – "schwierige Kinder" haben es schwer

B. war elf Jahre alt, da schlug er aus blanker Wut ein anderes Kind blutig. Er schlug mit der Faust, trat mit den Füßen nach. Manche sollen zugesehen haben, andere haben Ältere um Hilfe gebeten – da war B. schon über alle Berge. Sogar die Polizei soll nach ihm Ausschau gehalten haben. Das alles scheint den gutherzig wirkenden Jungen aber nicht weiter zu kümmern. Er ist buchstäblich mit einem blauen Auge davongekommen.

Wenn er zu uns kommt, dann immer alleine. Wenn er spielen möchte, dann fragt er oft mich oder andere Erwachsene - immer mit einem breiten Lächeln. Er scheint ausgeglichen zu sein. Mit den Kindern seines Alters hat er aber keine Freude. Sie ignorieren ihn oft und er schenkt ihnen keine sonderliche Beachtung. Falls sie mal doch miteinander spielen, dann kommt es oft zu Beschimpfungen, gegenseitigen Herabsetzung.

Man muss kein besonders geschulter Betreuer sein, um zu merken, dass B. nach etwas sucht: Anerkennung, positive Glücksmomente, Aufmerksamkeit und Respekt zum Beispiel. Kinder, die ihre Konflikte mit der Faust lösen, können oft über zermürbende Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit berichten. Hinzu kommen andere Aspekte, wie zum Beispiel die Eheprobleme der Eltern, die unmittelbare Konfrontation mit der Armut oder einprägsame, negative Erfahrungen mit Gleichaltrigen.

Aber B. ist auch nur ein Fall aus einer Reihe von vielen, sehr unterschiedlichen Beispielen. Die Kinder gehen sehr unterschiedlich mit ihren Problemen und mit ihrer Aggressivität um. Es gibt viele, die es geschafft haben, sich ein Ventil zu suchen und dadurch die ersehnte körperliche und geistige Ruhe gefunden haben. Diese Kinder von einst, besuchen uns dann noch nach Jahren - man merkt, dass es ihnen gut geht. Für B. wünsche ich mir dasselbe. Ich hoffe, dass er später mal wieder kommt. (red., daStandard.at, 27.6.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

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