Mariahilfer Straße neu: "Je mehr Leute mitreden, desto länger dauert es"

Interview27. Juni 2013, 05:30
821 Postings

Resultat eines langjährigen Partizipationsprozesses: Die Wiener Mariahilfer Straße wird mit Shared Spaces und mehr Grün umgestaltet. Auch Wasserflächen und Brunnen sind geplant

Mit den beiden planenden niederländischen Architekten Frans Boots und Frederica Rijkenberg sprach DER STANDARD über Chancen und Risiken der Neugestaltung.

STANDARD: Gehen Sie gerne in die Mariahilfer Straße shoppen?

Boots: Die Mariahilfer Straße hat viele Vorteile, denn sie ist eine der wenigen Wiener Einkaufsstraßen, in denen es noch einen gewissen Mix gibt - mit großen Ketten, aber auch vielen kleinen Familienläden und Friseuren. Es wäre schade, wenn dieses Lokalkolorit verlorenginge.

STANDARD: Genau das ist doch zu befürchten, sobald die Straße umgebaut wird.

Boots: Nein, nicht unbedingt. Sicherlich bringt jeder Umbau eine Veränderung mit sich. Unsere Aufgabe ist es jedoch, den Charakter der Straße bestmöglich zu erhalten und die Qualität zu steigern.

STANDARD: Viele verschiedene Varianten waren bisher im Gespräch: Fußgängerzone, Shared Space, Begegnungszone, verkehrsberuhigte Zone ...

Rijkenberg: Die gesamte Straße soll eine Kombination aus Fußgängerzone und Shared Space werden. Eine reine Fußgängerzone ist allein schon wegen des Busverkehrs und der Anrainer-Garagen nicht möglich. Ich denke, es ist durchaus von Vorteil, dass es entlang der Straße ganz unterschiedliche Verkehrsqualitäten geben wird, schließlich ist die Mariahilfer Straße auch sehr lang.

STANDARD: Sind Wasserflächen und Grünbereiche geplant?

Rijkenberg: Die bisherigen Bäume werden wir erhalten. Auch Neupflanzungen sind geplant. Und es wird Sitzinseln mit einer gewissen Verweildauer ohne Konsumationszwang geben, also nicht nur Schanigärten. Was das Wasser betrifft: Wasserflächen und Brunnen sind ebenfalls vorgesehen. Wir hoffen, dass das klappt.

STANDARD: Woran könnte es scheitern?

Boots: An den Kosten, an Haftungs- und Sicherheitsfragen, an den Bedenken der Anrainer.

STANDARD: Rund zwei Drittel der Unternehmer in der Mariahilfer Straße sind gegen den Umbau.

Boots: Es ist gut und wichtig, dass die Anrainer mitreden können. Wir freuen uns sehr darüber, dass der Umbau als Partizipationsprojekt abgewickelt wird. Doch eines ist klar: Je mehr Leute mitreden, desto länger dauert es, Entscheidungen herbeizuführen.

STANDARD: Die Bezirke mischen ebenfalls mit. Wie sehr verkompliziert das einen Planungsprozess?

Rijkenberg: Da knallen schon mal gegensätzliche Meinungen aufeinander. Zum Glück haben beide Bezirke den Wunsch, dass die beiden Straßenseiten im sechsten und siebenten Bezirk gleich gestaltet werden sollen.

STANDARD: Wie viele Planungsstellen und Behörden müssen Sie zufriedenstellen?

Boots: Derzeit sind in unser Projekt fünf bis zehn Behörden und Ansprechpartner involviert.

STANDARD: Die Kompetenz der Bezirke hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Ein so großer, kompromissloser Wurf wie etwa Kärntner Straße und Graben, die 1974 trotz heftiger Proteste der Anrainer umgebaut wurden, ist heute undenkbar?

Boots: Ja und nein. Das ist die Frage: Entscheidet man sich für oder gegen einen pluralistischen Ansatz? Wir sind für die Vielfalt.

STANDARD: Wo ist es einfacher zu planen? Amsterdam oder Wien?

Boots: Schon in den Niederlanden. Da sind wir gerade dabei, die Verwaltung zu zentralisieren und die Bezirke aufzulösen. Dieser Prozess hat eben erst begonnen und wird vieles vereinfachen. Doch bis vor kurzem war es in Amsterdam nicht anders als in Wien, nämlich kompliziert.

Rijkenberg: Es gibt in Europa einen generellen Trend zu beobachten, nämlich dass die Sicherheits- und Haftungsauflagen im öffentlichen Raum immer strenger werden und dass dadurch natürlich auch der Gestaltungsspielraum des Architekten abnimmt. In Ländern und Kulturen, in denen es mehr Freiheit und mehr Eigenverantwortung gibt, gibt es auch mehr Freiheit in der Architektur.

STANDARD: Ein genaues Budget für den Umbau liegt noch nicht vor. Im Ressort von Stadträtin Maria Vassilakou spricht man von einem "niedrigen zweistelligen Millionenbereich". Wird das reichen?

Boots: Ich denke, es ist tatsächlich noch zu früh, um von genauen Kosten zu sprechen. Wir sind jetzt erst am Anfang des Projekts.

STANDARD: Anders gefragt: Wie viel Budget braucht man, um so eine Fußgängerzone zu errichten?

Boots: Die absolute Untergrenze liegt bei 200 Euro pro Quadratmeter. Mehr Spielraum, mehr Qualität ist möglich, wenn 250 oder 300 Euro pro Quadratmeter zur Verfügung stehen.

STANDARD: Die Projektfläche beträgt laut Stadtplanungsressort rund 53.000 Quadratmeter inklusive aller Kreuzungsbereiche.

Boots: Das sollte sich ausgehen.

Rijkenberg: Ich denke, unser großer Vorteil ist, dass wir aus dem Ausland kommen und einen fremden, außenstehenden Blick auf die Sache haben. Manchmal ist es eben gut, nicht in der Suppe mitzuschwimmen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 27.6.2013)


Frans Boots (48) und Frederica Rijkenberg (39) arbeiten im Amsterdamer Landschaftsarchitekturbüro Bureau B+B und sind gemeinsam mit den Wiener Architektinnen orso.pitro für den Umbau der Mariahilfer Straße zuständig.

  • Mahü reloaded: Neue Bäume, Sitzmöglichkeiten, Wasserflächen. Und weniger Verkehr.
    visualisierung: langskris / orso.pitro

    Mahü reloaded: Neue Bäume, Sitzmöglichkeiten, Wasserflächen. Und weniger Verkehr.

  • Reden mit vielen Wiener Behörden: Frans Boots und Frederica Rijkenberg.
    foto: robert newald

    Reden mit vielen Wiener Behörden: Frans Boots und Frederica Rijkenberg.

Share if you care.