Pikes Peak Hill Climb: Alles Gute kommt nach oben

27. Juni 2013, 11:57
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Es ist das gefürchtetste Bergrennen der Welt, ein schneller Tanz am Rande des Abgrunds. Die Jagd in den Himmel sorgt seit Jahrzehnten für aberwitzige Rekorde und zementiert Legenden ein. Nun ist mit Sebastién Loeb der vielleicht beste Rallye-Pilot aller Zeiten an der Reihe

"Race to the clouds" wird der Pikes Peak Hill Climb, das älteste und wohl auch gefürchtetste Bergrennen der Welt, genannt - und es ist natürlich eine charmante Untertreibung. Fahrt durch die Hölle wäre treffender. Pikes Peak bedeutet 20 Kilometer über dreckigen Asphalt und verherrlichte Schotterwege, 150 Kurven, ein heiliger Gral für Oktanfreaks. Seit 1916 pressen die Berserker den Berg hinauf, von der Startlinie auf 2.800 Metern geht es bis ins Ziel hinauf auf luftige 4.500 Meter.

"Leitplanken? Etwas für Weicheier. Sicherheitszonen für die Zuschauer? Mein Gott, wir sind in Colorado Springs, wo die Pick-up-Trucks der Zuschauer mit Halterungen für automatische Feuerwaffen ausgestattet sind", war einmal im "Handelsblatt" über die Kurvenjagd zu lesen.

Die Gefahr ist immer Co-Pilot bei diesem Akt auf dem Drahtseil. Der prominenteste Neuzugang aus der Motorsportszene, der seine Grenzen ausloten will, ist Sebastién Loeb. Die französische Rallye-Gottheit macht am Sonntag bei der 91. Auflage des Rennens erstmals einen Ausflug auf den heiligen Berg im US-Bundesstaat Colorado.

 

 

Getestet hat Loeb bereits auf der gesamten Strecke, ein typisches Rallye-Car steuert er nicht. Die Rennversion des aktuellen Peugeot 208 ist ziemlich böse, denn der implementierte V6-Biturbomotor leistet 875 PS. Da dieses Biest auch nur 875 Kilogramm schwer ist, fällt das Leistungsgewicht mit einem Kilo pro PS fast rekordverdächtig aus. Die Power wird Loeb brauchen: Aufgrund des geringeren Sauerstoffgehalts am Pikes Peak verlieren Saugmotoren pro 100 Meter Höhenunterschied bis zu ein Prozent an Motorleistung. Mit zwei Turbos soll der drohende Leistungsabfall des Sondermodells 208 T16 Pikes Peak aufgefangen werden.

"Auf dem Pikes Peak scheidet sich die Spreu vom Weizen", hat einst Geniefahrer Walter Röhrl (unten) gesagt. "Da zeigt sich, ob du Auto fahren kannst. Das muss man einmal erleben." Röhrl muss es wissen, hat er auf dem Pikes Peak Highway gleich mehrmals gewonnen.

 

 

"In einen Audi quattro kannst du einen dressierten Affen setzen, der gewinnt auch." Ganz so einfach war der Ritt von Deutschlands berühmtestem Rallye-Piloten auf den Pikes Peak im Jahr 1987 freilich nicht. Eher denkwürdig. Mit seinem Audi S1 Sport quattro stellte er einen Rekord auf, bewältigte die Bergaufpiste als erster Fahrer unter elf Minuten.

 

 

Eine Rennfahrer-Dynastie, die den Pikes Peak belagerte, war die Unser-Familie. Nicht weniger als zwölf Familienmitglieder nahmen bis dato am Rennen teil, Bobby Unser aus der dritten Generation staubte 13 Titel ab, womit ihm bis heute niemand das Wasser reichen kann.

1994 stellte der Neuseeländer Rod Millen mit einem allradgetriebenen Toyota Celica einen Rekord auf (10:04 Minuten), der nicht für die Ewigkeit, aber immerhin für satte 13 Jahre Bestand haben sollte. Erst der Japaner Nobuhiro Tajima, den sie liebevoll "Monster" nennen, sprengte erneut alle Grenzen. Im Jahr 2011 jagte er als Erster unter zehn Minuten in den Himmel (9:51 Minuten). Der aktuelle Rekord gehört Rhys Millen, der Sohnemann von Rod war fünf Sekunden schneller als der Japaner.

 

 

Bergauf geht es mit 220 km/h auf Asphalt und zum Teil immer noch auf Schotter. In der Auslaufzone links breitet sich rotbrauner Sandstein aus, rechts ist nichts als frische Luft. Viel frische Luft. Wer hier einen Fehler macht, stürzt mehrere hundert Meter in den Schlund des Jenseits.

Offiziell gibt es eine Handvoll Todesopfer in der Geschichte des Rennens, der letzte große Crash datiert aus dem Vorjahr, als ein gewisser Jeremy Foley mit 160 Sachen aus einer scharfen Linkskurve ausbrach, die nicht ganz zufällig den Namen "Devil's Playground" trägt. Foley und sein Beifahrer haben diesen Ausflug tatsächlich überlebt.

 

 

Aufgrund der Streckenführung wurde die Kurvenjagd lange Zeit nicht im Fernsehen übertragen - laut dem amerikanischen Sportmedien-Giganten ESPN wären dafür mindestens 35 Kameras und zwei Hubschrauber nötig. Im Internet gibt es immerhin bewegte Bilder vom Rennen auf Red-Bull-TV.

Ein prachtvoller PS-Streifen über den Pikes Peak Hill Climb wurde Ende der 80er-Jahre auf Zelluloid gebannt. "Climb Dance", ein Kurzfilm des französischen Regisseurs Jean Louis Mourey, begleitet den Finnen Ari Vatanen bei seinem Rekordlauf und gewann zahlreiche Preise bei Filmfestivals.

 

 

Übrigens: Für den gemeinen Autofahrer ist die Passstraße auf den Gipfel des Pikes Peak auch zu erklimmen, mit erklecklichen Auflagen. Der Berg, Teil eines Nationalparks, liegt zwei Stunden südlich von Denver, nahe Colorado Springs. Kostenpunkt: zehn Dollar. Schneller als 15 Meilen pro Stunde darf nicht gefahren werden, die Benzintanks müssen mindestens zur Hälfte gefüllt sein, und auf dem Weg zurück ins Tal werden die Bremstemperaturen von Parkbetreuern geprüft. (Florian Vetter, derStandard.at, 27.6.2013)

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