Universitäten: Karriere mit Lehre?

Blog26. Juni 2013, 13:54
12 Postings

Am 4. Juni diesen Jahres hat die Universität Wien erstmals einen Teaching Award verliehen. Eine Preisträgerin reflektiert

Die Verleihung des "UNIVIE Teaching Award 2013" für ausgezeichnete Lehrleistungen fordert dazu heraus, den Stellenwert der universitären Lehre kritisch zu hinterfragen. Zunächst sei aber kurz erklärt, wie ich überhaupt in die Lage versetzt wurde, dies als Preisträgerin zu tun: Wie in allen Fakultäten waren daran, wenngleich die Nominierungsverfahren für den Preis ansonsten durchaus unterschiedlich abliefen, neben den Studienprogrammleitungen maßgeblich die Studierenden beteiligt. In der rechtswissenschaftlichen Fakultät etwa stellte die Studierendenvertretung eine Liste derjenigen Lehrenden zusammen, die von der Studienprogrammleiterin auffordert werden sollten, sich für den Preis zu bewerben.

Moralische Verpflichtung

Dies erwähne ich aus zwei Gründen: Der erste ist, dass ich mich ansonsten gar nicht beworben hätte, weil derartige Bewerbungsschreiben eine Textsorte darstellen, die mir – und wahrscheinlich nicht nur mir - eigentlich wenig liegt. Der zweite Grund ist, dass ich mich nach dieser Nominierung durch die Studierenden irgendwie moralisch verpflichtet gefühlt habe, der damit ja zum Ausdruck gebrachten Wertschätzung seitens der Studierendenvertretung durch Einreichung einer Bewerbung für den Preis doch zu entsprechen, der sanfte Druck unserer Studienprogrammleiterin ließ dann meine letzten Widerstände schwinden.

Anstoß von außen

Ich erwähne deswegen meine Motivation, mich für den Teaching Award zu bewerben, um damit auf ganz persönlichem Weg zum Begriff der Wertschätzung für die universitäre Lehre zu gelangen, der mit diesem Preis auf unterschiedliche Weise verbunden ist. Einerseits ist er nämlich konkreter Ausdruck der Wertschätzung für die individuellen Leistungen der Ausgezeichneten durch ihre Studierenden und KollegInnen, andererseits ist er aber auch ein Ausdruck der Wertschätzung der Lehre an sich durch die Institution 'Universität'. Leider hat es allerdings eines Anstoßes von außen bedurft - nämlich der Schaffung des Staatspreises für ausgezeichnete Lehre "Ars docendi" -, dass die Universität Wien selbst über eine gleichsam hauseigene Auszeichnung dieser Art nachgedacht und sie auch in die Tat umgesetzt hat. Aber immerhin: Es gibt nun diese Auszeichnung und das ist grundsätzlich eine sehr erfreuliche Sache.

Alibi-Aktion?

Trotzdem darf (und muss) man/frau wohl auch kritisch hinterfragen, ob dieser Preis nun bloß eine Art Alibi-Aktion darstellt oder – hoffentlich – als ernst zu nehmendes Anzeichen für eine beginnende universitäre Neubewertung der Lehre gewertet werden kann. Was meine ich damit konkret? Forschung und forschungsgeleitete Lehre gehören unzweifelhaft beide zu den ureigensten Kernaufgaben der Universität. Dennoch wurde und wird nach wie vor beides im Universitätsbetrieb nicht gleich wertgeschätzt.

So sprach etwa die frühere Leitung der Universität Wien stets bloß von der Positionierung als Forschungsuniversität – von der Lehre war im positiven Sinn eigentlich nie die Rede. Dies ist nun wohl anders, aber dennoch wird der Lehre noch längst nicht der gleiche Stellenwert wie der Forschung zugebilligt. Werden Leistungen etwa universitär abgefragt, so geht es immer um den wissenschaftlichen Output allein, nicht um die Lehre, es geht auch nicht darum, unter welchen Bedingungen diese Forschungsleistungen angesichts der Erfordernisse einer Massenuniversität und diverser Neuerfindungen - Stichwort Studieneingangsphase (STEOP) – erbracht werden.

Unangenehmer Kostenfaktor

Vielfach gewinnt man überdies den Eindruck, dass die Lehre, nicht nur in der politischen Öffentlichkeit, sondern leider ebenfalls an der Universität durchaus auch als unangenehmer Kostenfaktor aufgefasst wird. So sind die schlechten Betreuungsverhältnisse an unserer Universität seit Jahren bekannt, auf das Lehrbudget hat dies keine entsprechenden Auswirkungen.

Weiters müssen immer wieder Lehrveranstaltungen aus Budgetgründen eingespart werden, wie etwa derzeit im Bereich der externen Lehre, oder sind durch billigere interne Lehre zu ersetzen, was sich auch im Wunsch der Universitätsleitung nach einer Erhöhung der Lehrkontigente der außerordentlichen ProfessorInnen - ohne Berücksichtigung von deren Ressourcensituation und sonstigen Belastungen - niederschlägt. Auch die Infragestellung bzw. Kürzung der Prüfungstaxen, die ja eine Vergütung für überdurchschnittliche Belastungen in der Lehre darstellen, kann als Ausdruck mangelnder Anerkennung des Engagements im Massenlehrbetrieb gesehen werden.

Kaum Postdocs

Was die Sicherung eines qualitätsvollen Lehrbetriebs anbelangt, so erscheint es mir als durchaus bedenklich, dass diese Frage bislang bei den Diskussionen betreffend fakultäre oder universitäre Personalstruktursplanungen eine zu geringe oder überhaupt keine Rolle spielt, wie etwa zur Zeit an der rechtswissenschaftlichen Fakultät, wo es kaum noch Postdocs gibt und – jedenfalls derzeit – nicht die Absicht besteht, Laufbahnstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich unter den PreisträgerInnen des universitären Teaching Awards niemand befindet, der "nur" Postdoc oder Praedoc ist.

Die geringe Wertschätzung der Lehre zeigt darüber hinaus in universitären Karrieren deutlich: In Berufungsverfahren spielt sie trotz anders lautender Ausschreibungstexte eigentlich in der Praxis meist keine entscheidende Rolle, ausschlaggebend sind letztlich primär die Publikationsleistungen, und zwar ohne Berücksichtigung, unter welch höchst unterschiedlichen Lehr- und Ressourcenbedingungen sie erbracht wurden.

Die Lehre zählt aber auch in anderen Bereichen offenbar nicht wirklich als "Leistung": Ich erinnere daran, dass im Organisationsplan der Universität Wien nachwievor die "leistungsgerechte Ressourcenverteilung" verankert ist. Trotzdem ist mir bislang kein Fall bekannt, dass überdurchschnittlicher Lehreinsatz eine Ressourcenzuteilung nach sich gezogen hätte. Dies erscheint aber gerade hinsichtlich derjenigen Lehrenden, die keine "Lehrstühle" mit Ressourcenausstattung bekleiden, als höchst unbefriedigend, zumal gerade diese oftmals im besonderen Maß mit betreuungsintensiver Basislehre betraut sind.

Leidenschaft für die Fächer

Dass die überdurchschnittlichen Leistungen im Bereich der Lehre, die zur Verleihung des Teaching Award geführt haben, dennoch erbracht wurden und wohl auch in Zukunft erbracht werden, muss also einen Grund haben, der nicht mit ideeller und materieller Wertschätzung der Lehre zusammenhängt. Mit Sicherheit ist es für alle UniversitätslehrerInnen der letztlich aus der Leidenschaft für die vertreten Fächer resultierende Anspruch, den Studierenden die bestmögliche Bildung und Ausbildung für ihren weiteren, ohnedies nicht einfachen Weg mitzugeben.

Es bleibt zu hoffen, dass der neue Teaching Award an der Universität Wien also nicht nur eine gelungene Maßnahme der universitären Öffentlichkeitsarbeit aus Anlass des Staatspreises darstellt, sondern Ausdruck des Wissens um die Unterbewertung der akademischen Lehre und um die Notwendigkeit eines echten Umdenkens ist, damit dieser universitären Kernaufgabe wieder der ihr im Interesse unserer Studierenden gebührende Stellenwert zukommt. (Ilse Reiter-Zatloukal, derStandard.at, 26.6.2013)

Ilse Reiter-Zatloukal ist ao. Prof. und stv. Vorständin des Instituts für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien. Sie ist Mitglied des Betriebsrats für das wissenschaftliche Universitätspersonal, Mitglied des Senats der Universität und Empfängerin eines Teaching Award 2013 der Universität Wien.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zählt Lehre als "Leistung"? Mit der Verleihung von Awards soll das Image der Lehre im Vergleich zur Forschung verbessert werden.

Share if you care.