Australien: Gillard von eigener Partei gestürzt

26. Juni 2013, 18:58
30 Postings

Australiens erste weibliche Regierungschefin hat ihr Amt an ihren Vorgänger Kevin Rudd verloren. Drei Jahre nach Amtsantritt stürzte Julia Gillard über schlechte Umfragewerte

Die parteiinterne Kampfabstimmung fiel mit 57 Stimmen für Rudd gegenüber 45 Stimmen überraschend klar aus. Am Ende war Julia Gillard nicht mehr Chefin der australischen Labour-Partei. Damit stand fest, dass sie auch das Amt des Premiers wieder an ihren Vorgänger und Rivalen Kevin Rudd verlieren würde.

Gillard hatte in den drei Jahren ihrer Führung in der Gunst der Wähler dramatisch an Unterstützung verloren. Der Labour-Partei drohte bei den Wahlen am 14. September "eine katastrophale Niederlage" gegenüber den Konservativen unter ihrem Führer Tony Abbott, sagte Rudd Minuten, bevor es zur Abstimmung kam. Sowohl Gillard als auch Rudd hatten angekündigt, sich im Fall einer Niederlage komplett aus der Politik zurückziehen zu wollen.

Dolch im Rücken

Die 51-jährige Gillard hatte 2010 den damaligen Premierminister - als seine Stellvertreterin - selbst herausgefordert und besiegt. Zuvor hatte auch Rudd in den Meinungsumfragen stark an Unterstützung verloren. Ein paar Monate später gewann Gillard die Wahlen gegen die Konservativen, allerdings nur dank der Unterstützung von unabhängigen Parlamentariern. Seither hing ihr der Vorwurf, sie habe ihrem Vorgänger den Dolch in den Rücken gestoßen, wie ein Stein um den Hals.

Auch die vorwiegend konservativen Medien waren mehrheitlich gegen sie. Vor allem die vom Medienzaren Rupert Murdoch kontrollierte Presse führte einen Krieg gegen das erste weibliche Regierungsoberhaupt Australiens.

Gillard hatte unter anderem ein von der mächtigen Rohstoffindustrie heftig bekämpftes Klimagesetz eingeführt und trotz großer Hürden im Parlament ein Versicherungssystem für Behinderte durchgebracht. Jüngst musste sie sich auch immer wieder sexistisch motivierte Beschuldigungen anhören. So wurde sie in einem Radiointerview gefragt, ob ihr Lebenspartner Tim Mathieson in Wahrheit homosexuell sei, während bei einem Spendendinner der Opposition ein nach ihr benanntes Gericht auf der Speisekarte als Wachtel mit "kleinen Brüsten und fetten Schenkeln" angepriesen wurde.

Gillard meinte im Anschluss an den Parteientscheid, sie sei "stolz" auf die Leistungen ihrer Regierung. Mehrere Minister, die zu ihr gehalten hatten, traten auf der Stelle zurück. Mit der Ernennung von Rudd steigen die Chancen der Partei bei den kommenden Wahlen. Von der Möglichkeit eines Wahlsieges wollte Mittwoch aber kein Beobachter sprechen. Rudd meinte schon im Vorfeld des Entscheides, es sei sein Bestreben, eine Übernahme der Macht durch Tony Abbott zu verhindern, den er als " extremistischen Ultrakonservativen" bezeichnet.

Unter Gillard war Labour weiter nach rechts gerückt. Das zeigte sich besonders im Umgang mit Asylsuchenden, die oft jahrelang in Internierungslagern auf einen Asylbescheid warten. Wie Rudd diese Frage handhaben wird, dürfte entscheiden, ob Labour in traditionellen Hochburgen, den Vororten der Großstädte, wieder Stimmen gewinnen kann. (Urs Wälterlin, DER STANDARD, 27.6.2013)

Link

Sydney Morning Herald: Shorten to back Rudd in leadership ballot

  • Kevin Rudd spitzt auf Julia Gillards Posten in der Labor-Führung
    foto: epa/andrew meares

    Kevin Rudd spitzt auf Julia Gillards Posten in der Labor-Führung

Share if you care.