Handelsketten treiben Keil in die Möbelindustrie

18. April 2013, 17:00
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Die Zahl klingender Namen auf dem Einrichtungsmarkt ist klein. Das Diktat mächtiger Einkaufsverbände zwingt Lieferanten dazu, eigene Marken aufzugeben. Viele werden austauschbar, und die Konkurrenz aus China wächst

Wittmann, Team 7, Rolf Benz oder Interlübke: Gut ein Dutzend klingender Namen ziert die in Österreich und Deutschland gefertigten Möbel. Doch das Gros der Hersteller der Einrichtungsbranche droht an Profil zu verlieren. "Sie setzen uns die Daumenschrauben an und montieren uns ab", sagt ein Unternehmer, der für sich kaum Auswege aus der Umklammerung sieht.

Sie, das sind Handelsketten, vereint in starken Einkaufsverbänden mit Milliardenumsätzen. Abmontiert werden die Marken der Produzenten und durch Eigenlabels der Verbände und Händler ersetzt. Erst jüngst habe Begros eine Order an Lieferanten erlassen, Ware von allen Hinweisen zu befreien, die Rückschlüsse auf ihre Erzeuger geben. Begros ist mit gut fünf Milliarden Euro Außenumsatz der größte deutsche Verband und kauft auch für den Möbelriesen Lutz ein.

Ablehnen spielt es selten. Wessen Geschäft zu mehr als einem Viertel von nur einem Kunden abhängt, hat wenig Spielraum. Was im Lebensmittelhandel gang und gäbe ist, macht zunehmend auch auf dem Einrichtungsmarkt Schule. Mehr als 25 Prozent soll der Anteil der Eigenmarken in Handelsketten bereits ausmachen, mit viel Luft nach oben. Denn starke Industrielabels der Möbelerzeuger sind rar: Hohe Zuwächse und Gewinne bis in die 70er-Jahre ließen viele vom Aufbau eigener Namen absehen - die Vermarktung überließ man bereitwillig Verbänden.

Gewinne schmelzen

Doch das Machtverhältnis drehte sich. Heute diktiert der Handel Regeln und Standards, von Design über Lieferkonditionen bis hin zur Reklamationsquote. Bei Nichteinhalten droht nachträglicher Preisnachlass, im Extremfall auch die Auslistung. Und No-Name-Anbieter sind meist leicht zu ersetzen.

Neben Werken in Osteuropa bedient eine Flut an asiatischen Fabriken den Möbelmarkt. China hat sich zu einem der größten Exporteure der Branche aufgeschwungen. Der Anteil eigener exklusiver Labels sei bereits beachtlich, "wir bauen unsere Produktentwicklungen aus", sagt Lutz-Geschäftsführer Thomas Saliger; dafür fertigen lasse man weltweit. Begros war für keine Stellungnahme erreichbar. In etlichen österreichischen Betrieben schmelzen derweil die Erträge. Erst Ende März meldete Pabneu-Skloib mit 200 Mitarbeitern nach Millionenverlusten ein Sanierungsverfahren an. Zuvor über Generationen in Familienhand gehört Pabneu nun mehrheitlich der RLB Steiermark und der Stiftung eines Sanierungsberaters. Im Büromöbelmarkt muss sich die kriselnde Bene AG neu aufstellen.

Österreich zählt knapp 60 Möbelhersteller mit 6700 Beschäftigten. Es sind vor allem mittelständische Betriebe in Familienbesitz mit insgesamt 2,3 Milliarden Euro Produktionswert. Das Vorjahr war von sehr guter Inlandsnachfrage, aber deutlich sinkenden Exporten geprägt. Teureres Vormaterial sorge für massiven Kostendruck. Höhere Preise seien im Handel bisher nicht durchsetzbar gewesen - aber unabdingbar, sagt Roland Ragailler, Chef des Polstermöbelherstellers Sedda, der in Oberösterreich 230 Mitarbeiter zählt. Der Standort Österreich ließe sich nur "über extreme Innovation halten".

Der Trend zum Grundbuch statt Sparbuch helfe der Einrichtungsbranche, ist Georg Emprechtinger, Team-7-Chef und Vorsteher der Möbelindustrie, überzeugt. Die Lebensversicherung seiner Branche seien Flexibilität und handwerkliche Kompetenz. Der Mangel an starken Marken in Österreich sei aber ungesund. "Wer die Nachfrage selbst beeinflussen will, muss dem Kind einen Namen geben." Team 7 wächst im gehobenen Segment seit Jahren. 2012 setzten 630 Mitarbeiter 78 Millionen Euro um, 84 Prozent davon im Export. Die jüngsten Shops eröffneten in Kiew und Prag. Emprechtinger prüft nun den Vertrieb seiner Naturholzmöbel nach China. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 12.4.2013)


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