Eine macht den Dreck weg

27. Juni 2013, 07:00
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Viele Philippininnen kommen als Haushaltskräfte nach Europa - Das Migrantinnen-Netzwerk Babaylan begleitet sie in den Zielländern, denn vor Missbrauch sind sie schlecht geschützt

Die europäischen Sozialsysteme ächzen unter den Sparvorgaben der Europäischen Union, in manchen Ländern mehr, in manchen weniger. Doch was die industrielle Krisenlandschaft eint, ist ihr zurückgehendes Engagement in Menschenrechtsfragen. Auf der Konferenz "Vienna +20" trafen am vergangenen Wochenende MenschenrechtsaktivistInnen aus mehr als 50 Ländern in Wien zusammen, um über die Herausforderungen der internationalen Politik unter dem Spardiktat zu debattieren.

Erweiterung der eigenen Rechte

Eine von ihnen ist Filomenita Høgelsholm. Die gebürtige Philippinerin lebt in Dänemark und leitet seit 1997 die dänische Einheit von "Babaylan", dem ersten MigrantInnen-Netzwerk von Philippinerinnen in Europa. Was sie tue, sei eine "Erweiterung ihrer eigenen Rechte", sagt sie. Damit meint sie, Philippinerinnen in ihren europäischen Arbeitsländern eine Umgebung zu bieten, in der sie nicht nur als billige Arbeitskräfte betrachtet werden, sondern als ganze Menschen.

Die selbst verwaltete Organisation betreut inzwischen in vielen europäischen Ländern philippinische Arbeitsmigrantinnen, die vornehmlich als Haushalts- und Pflegekräfte unterkommen. Global betrachtet besteht ihre Aufgabe darin, die Frauen in den Zielländern für die Erwerbsarbeit freizuspielen. Laut Schätzungen sind derzeit rund 500.000 philippinische ArbeitsmigrantInnen in Europa beschäftigt. Drei Viertel davon sind Frauen.

Au Pair-Verbot von Seiten der philippinischen Regierung

Viele dieser Frauen und Männer sind von Illegalisierung und Ausbeutung betroffen. In Dänemark, wo Migrantinnen nur über Au-pair-Visa ins Land kommen können, ist die Situation allerdings weniger dramatisch als in manchen südeuropäischen Ländern. Offenbar war sie aber doch so besorgniserregend, dass die philippinische Regierung bis letztes Jahr die Arbeitsmigration via Au-pair-Ticket nach Europa verboten hatte. Diese Regelung bestand seit 1998, nachdem es zu mehreren Missbrauchsfällen in Schweden gekommen war.

Trotz des Verbots kamen viele Filipinas nach Nordeuropa. Laut Høgelsholm sind es monatlich weit über 100 junge Frauen, die als Au-pairs legal nach Dänemark kommen. Der Aufhebung nimmt die Aktivistin positiv auf: "Vorher mussten die Frauen oft Schmiergelder an Agenturen bezahlen, sie kamen oft hoch verschuldet hier an und sie hatten keinerlei Schutz von den philippinischen Behörden, wenn ihnen tatsächlich etwas passierte."

Seit 2012 erlaubt es die philippinische Regierung, dass die Frauen direkt mit den Empfängerfamilien verhandeln, die Zusammenarbeit mit Agenturen wird prinzipiell abgelehnt. Doch auch ein direktes Verhandlungsverhältnis birgt Risiken mit sich, denn hinter den Annoncen im Internet könnten sich ja auch Menschenhändler verbergen, warnt die Expertin.

Ehrenamtliche Arbeit

Der beste Weg, Frauen vor der Ausbeutung zu schützen, sei sie kontinuierlich im Arbeitsland zu betreuen. Das Netzwerk Babaylan übernimmt dies ein Stück weit, doch der Verein verfügt nur über wenige Ressourcen und die MitarbeiterInnen arbeiten ehrenamtlich. Die wenigen Mittel setzen sie für das Organisieren von Partys ein, für Rechtsberatung, für diverse Kurse (Finanzkompetenz, demokratische System in Dänemark und so weiter) und für eine eigene Zeitschrift. Das alles vermittelt den migrierten Filipinas, dass sie auch in ihrem Arbeitsland Menschen mit Rechten sind.

Das größte Problem, unter dem sie derzeit leiden, ist die überdimensionale Arbeitsbelastung, denen die Frauen ausgesetzt sind. Laut Gesetz sollen Au-pairs ihren Gastfamilien lediglich im Haushalt "helfen", sie sind für leichte Tätigkeiten vorgesehen und ihr Arbeitsaufwand soll 15 Stunden bis maximal 30 Stunden pro Woche nicht überschreiten, damit sie noch Zeit für Bildungsangebote und Spracherwerb haben. Die Realität sieht allerdings anders aus. "40 Stunden sind keine Seltenheit. Und einige werden auch nicht in der Familienarbeit eingesetzt, sondern müssen sich zum Beispiel um die Tiere in der Landwirtschaft kümmern", sagt Høgelsholm.

Gerichtsurteile fehlen

Bisher fehlt es an Urteilen, die das herrschende Recht untermauern würden. Høgelsholm ärgert sich, dass die Familien meist einlenken, wenn sie dem Au Pair Geld schulden. Oft will aber auch die Betroffene keine rechtlichen Schritte setzen, weil sie ja nach spätestens 18 Monaten das Land wieder verlassen muss und ihre Familienangehörigen zuhause auf das Geld angewiesen sind.

Von dieser Wechselhaftigkeit profitiert ein ausbeuterisches System. In dänischen Medien ist die Geschichte der "modernen Sklaverei" unter dem Deckmantel des kulturellen Austausches inzwischen ein gut eingeführter Erzählstrang. Høgelsholm kann mit den skandalisierenden Geschichten und ihrem Opferdiskurs allerdings wenig anfangen. "Dadurch wird der Blick so eng. Ich vermisse das ganze Bild über diese Sache, denn ganz offensichtlich sind Philippinerinnen nicht immer Opfer dieses Systems, ja, viele profitieren ganz klar davon."

Absage an Elitemodell

Babaylan geht davon aus, dass die Regierung das Grundgehalt von Au-pairs in den nächsten Jahren erhöhen wird, um Missbrauch zu vermeiden. Um Geld allein gehe es in dieser Angelegenheit jedoch nicht, erläutert Høgelsholm: "Wenn das Gehalt wirklich steigen sollte, werden sich ganz viele Mittelklassefamilien ihre Au-pairs nicht mehr leisten können. Es wird ein Elitemodell, und das gefällt mir nicht." Die schöne Idee hinter dem Au-pair-System sei ja, dass junge Menschen das Leben in anderen Kulturen kennenlernen und nicht ausschließlich das Leben der Reichen.

Sie rät den Behörden zu einer kontinuierlichen Begleitung der Au-pairs, um sie vor Missbrauch zu schützen, und die Regelung gemäß ihrem ursprünglichen Leitgedanken - ein begrenzter Auslandsaufenthalt zum Kulturaustausch - zu verankern. Letztlich, und da macht sich auch Høgelsholm nichts vor, ist der Au-pair-Aufenthalt für viele Philippinerinnen aber eben auch finanziell reizvoll. Mit einem "Mindesttaschengeld" von 3.155 dänischen Kronen (rund 420 Euro) gelten sie auf den Philippinen als GutverdienerInnen. Der Großteil des Geldes landet zu Hause bei den Familien. (freu, dieStandard.at, 27.6.2013)

Wissen: Vienna +20

Bei Vienna +20 handelt es sich um die Folgekonferenz der Weltmenschenrechtskonferenz, die 1993 in Wien stattfand. Bei der zivilgesellschaftlichen Konferenz sollen die Errungenschaften der letzten 20 Jahre kritisch untersucht werden. Auerdem wird eine "Vienna +20 Civil Society Declaration" verabschiedet. Eine zentrale Forderung ist die Einsetzung eines Weltmenschengerichtshofs: Dieser soll auch Akteure wie etwa Unternehmen, aber auch intergouvernmentale Organisationen wie die NATO oder UNO selbst, für Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung ziehen können.

Um diese internationalen Konzerne aber auch künftig entsprechend zur Rechenschaft ziehen zu können, bekräftigte Nowak seine Forderung nach der Schaffung eines Weltgerichtes für Menschenrechte. Zwar seien die "neuen Akteure" an Menschenrechte gebunden, könnten aber nicht zur Verantwortung gezogen werden, "weil es keine entsprechenden Organe gibt", begründete der gebürtige Oberösterreicher. Zu den "neuen Akteuren" zählt Nowak neben wirtschaftlichen Unternehmen "vor allem auch intergouvernmentale Organisationen wie die NATO oder UNO selbst, die zunehmend auch Menschenrechte verletzen".

Links

Babaylan Denmark

Vienna +20

  • Filomenita Høgelsholm vertrat das Netzwerk Babaylan bei der "Vienna +20"-Menschenrechtskonferenz. Zeit ihres Lebens setzt sich die gelernte Journalistin für Menschenrechte von Migrantinnen ein. Sie ist in zahlreichen Gremien vertreten, so beim Black Women in Europe Network (BWEN) und der European Diaspora Platform. Lange Zeit war sie auch im Vorstand des feministischen Netzwerks WIDE (Women in Development Europe).
    foto: diestandard.at/freudenschuss

    Filomenita Høgelsholm vertrat das Netzwerk Babaylan bei der "Vienna +20"-Menschenrechtskonferenz. Zeit ihres Lebens setzt sich die gelernte Journalistin für Menschenrechte von Migrantinnen ein. Sie ist in zahlreichen Gremien vertreten, so beim Black Women in Europe Network (BWEN) und der European Diaspora Platform. Lange Zeit war sie auch im Vorstand des feministischen Netzwerks WIDE (Women in Development Europe).

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