Über die zwei Gesichter des Islam...

Kommentar der anderen25. Juni 2013, 19:21
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... und die Frage: Wie geht man mit den aggressiven, politisch kontaminierten Elementen einer Religion um, ohne deren friedensstiftende, humane Botschaften der Logik rechthaberischer Aufwiegelung zu unterwerfen? Ein Plädoyer für Mäßigung - und Kompromisslosigkeit

Es gibt nur eine Sicht für den Mord an dem britischen Soldaten Lee Rigby auf einer Südlondoner Straße vor drei Wochen: grauenerregend. Doch was seine Bedeutung angeht, gibt es zwei Sichtweisen. Die eine ist, dass es sich dabei um eine Tat von Verrückten handelt, die in diesem Fall von einer pervertierten Vorstellung des Islam motiviert war, jedoch keine darüber hinaus gehende Bedeutung hat. Verrückte machen verrückte Dinge, und man sollte daher nicht überreagieren. Die andere Sichtweise ist, dass die Ideologie, die zum Mord an Rigby inspirierte, zutiefst gefährlich ist.

Ich vertrete letztere Ansicht. Natürlich sollten wir nicht überreagieren. Wir haben es auch nach den Anschlägen auf das öffentliche Transportsystem Londons vom 7. Juli 2005 nicht getan. Gehandelt jedoch haben wir, und dies zu Recht. Und mit Sicherheit haben die Maßnahmen unserer Sicherheitsdienste weitere ernste Anschläge verhindert. Das "Prevent"-Programm in den örtlichen Gemeinwesen war sinnvoll.

Ideologie ist da draußen

Auch die neuen Maßnahmen der Regierung erscheinen vernünftig und angemessen. Doch machen wir uns selbst etwas vor, wenn wir glauben, dass wir das Vereinigte Königreich einfach durch Maßnahmen zu Hause schützen können. Die Ideologie ist da draußen. Sie nimmt nicht ab.

Man denke an den Nahen Osten. Syrien fällt inzwischen immer schneller auseinander. Der überwältigende Wunsch des Westens, sich herauszuhalten, ist völlig verständlich. Doch wir müssen auch verstehen, dass wir am Anfang dieser Tragödie stehen. Ihr Potenzial zur Destabilisierung der Region ist eindeutig. Jordanien handelt mit beispielhaftem Mut, doch die Zahl der Flüchtlinge, die das Land nach vernünftiger Erwartung aufnehmen kann, ist begrenzt. Die Lage im Libanon ist nun, da der Iran die Hisbollah in den Kampf drängt, fragil. Al Kaida versucht erneut, im Irak ein Gemetzel anzurichten; zugleich mischt sich der Iran dort weiter ein.

In Ägypten und in Nordafrika sind zur Muslim-Bruderschaft gehörende Parteien an der Macht, doch der Widerspruch zwischen ihrer Ideologie und ihrer Fähigkeit, moderne Volkswirtschaften zu führen, verstärkt die Instabilität und den Druck extremerer Gruppen.

Dann ist da das Regime im Iran, das noch immer danach strebt, an Nuklearwaffen zu kommen, und nach wie vor Terror und Instabilität exportiert. In Schwarzafrika sieht sich Nigeria mit grauenvollen Terroranschlägen konfrontiert. In Mali hat Frankreich einen schweren Kampf ausgefochten, um zu verhindern, dass Extremisten das Land überrennen.

Problem innerhalb des Islam

Dann ist da Pakistan - und der Jemen. Weiter östlich köchelt ein Grenzkrieg zwischen Burma und Bangladesch. Und jüngste Ereignisse in Bangladesch selbst sowie in der mehrheitlich muslimischen Region Mindanao auf den Philippinen verlängern die Liste weiter.

Es gibt kein Problem mit dem Islam. Doch es gibt ein Problem innerhalb des Islam, und wir müssen es thematisieren und ehrlich damit umgehen. Natürlich gibt es christliche Extremisten - und auch jüdische, buddhistische und hinduistische. Doch ich fürchte, der problematische Strang innerhalb des Islam ist nicht auf ein paar Extremisten beschränkt. In seinem Kern steht eine Sicht der Religion - und der Beziehung zwischen Religion und Politik -, die mit einer pluralistischen, freiheitlichen, aufgeschlossenen Gesellschaft unvereinbar ist. Am extremen Ende des Spektrums stehen die Terroristen, doch das Weltbild reicht tiefer und weiter, als wir uns das eingestehen mögen. Und daher gestehen wir es uns - im Großen und Ganzen - nicht ein.

Dies hat zweierlei Auswirkungen: Erstens glauben diejenigen, die extreme Ansichten vertreten, dass wir schwach sind, und das macht sie stark. Zweitens verlieren jene Muslime, die wissen, dass es ein Problem gibt, und die etwas dagegen tun möchten, den Mut.

Saat wird heute gesät

Im gesamten Nahen Osten und darüber hinaus läuft derzeit ein Konflikt ab. Auf der einen Seite stehen die Islamisten und ihr exklusivistisches, reaktionäres Weltbild. Sie sind eine bedeutsame Minderheit, laut und gut organisiert. Auf der anderen Seite stehen jene mit einer modernen Anschauung, die die frühere Unterdrückung durch korrupte Diktatoren hassten und die neue Unterdrückung durch religiöse Fanatiker verabscheuen. Sie bilden potenziell die Mehrheit, sind aber leider schlecht organisiert.

Die Saat von künftigem Fanatismus und Terror - und eventuell sogar größeren Konflikten - wird heute gesät. Unsere Aufgabe ist es, dabei zu helfen, Versöhnung und Friedens zu säen. Doch Frieden den Boden zu bereiten ist nicht immer friedlich.

Die langen, harten Konflikte in Afghanistan und im Irak haben die westlichen Mächte in Bezug auf Auslandsinterventionen vorsichtig werden lassen. Doch sollten wir nie vergessen, warum diese Konflikte lang und hart waren: Wir haben das Entstehen gescheiterter Staaten zugelassen.

Saddam Hussein war verantwortlich für zwei bedeutende Kriege, in denen Hunderttausende starben, viele durch chemische Waffen. Er ermordete eine ähnliche Anzahl seiner eigenen Bevölkerung. Die Taliban erwuchsen aus der sowjetischen Besetzung Afghanistans und verwandelten das Land in ein Übungsgelände für Terroristen. Nachdem diese Regime beseitigt waren, begannen diese beiden Länder einen Kampf gegen dieselben Kräfte, die überall im Namen der Religion Gewalt und Terror verbreiten.

Rückzug bringt keinen Frieden

Nicht jedes Engagement muss militärischer Art sein, und nicht jedes militärische Engagement muss Truppen umfassen. Doch uns aus diesem Kampf zurückzuziehen wird uns keinen Frieden bringen.

Auch Sicherheit allein wird dies nicht tun. Auch wenn der Widerstand gegen den revolutionären Kommunismus auf Entschlossenheit in der Frage der Sicherheit beruhte: Überwunden wurde er schließlich durch eine bessere Idee - Freiheit. Dasselbe ist auch hier möglich.

Die bessere Idee ist in diesem Fall eine moderne Sicht der Religion und ihres Platzes in der Gesellschaft und der Politik - ein Modell, das auf Respekt und Gleichberechtigung zwischen den Anhängern verschiedener Glaubensrichtungen beruht. Die Religion mag eine Stimme innerhalb des politischen Systems haben, aber sie darf es nicht beherrschen.

Wir müssen mit den Kindern anfangen - hier und im Ausland. Dies ist der Grund, warum ich eine Stiftung gegründet habe, deren ausdrücklicher Zweck es ist, Kinder verschiedenen Glaubens überall auf der Welt anzuleiten, übereinander zu lernen und miteinander zu leben. Wir sind heute in 20 Ländern aktiv, und die Programme wirken. Doch verglichen mit der Flut der Intoleranz, die so vielen vermittelt wird, ist dies nur ein Tropfen im Ozean.

Wir müssen heute mehr denn je stark sein, und wir müssen strategisch vorgehen. (DER STANDARD, 26.6.2013)

Tony Blair war von 1997 bis 2007 britischer Premierminister.

© Project Syndicate 2013; aus dem Englischen von Jan Doolan

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    "Hässliche" Spielart des Islam: Kämpfer einer militaristischen Schiiten- Grupe demonstrieren "Entschlosenheit" vor ihrer Abreise von Bagdad nach Damaskus.

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