"Es gibt keinen Grund, sich einzigartig zu fühlen"

Interview25. Juni 2013, 18:33
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Sterne und Planeten sind das Metier von João Alves - Robert Czepel sprach mit dem portugiesischen Astronomen über kosmisches Recycling und fremdes Leben im Universum

STANDARD: Wie lange hat es nach dem Urknall gedauert, bis die ersten Sterne entstanden sind?

Alves: Wann genau die erste Sternengeneration entstanden ist, wissen wir noch nicht. Es könnte sein, dass Sterne bereits sehr früh entstanden sind, etwa 100 Millionen Jahre nach dem Urknall. Diese Frage wird das James Webb Space Telescope in ungefähr zehn Jahren beantworten: Es soll das erste Licht des Universums einfangen. Zu meinen Studenten sage ich immer: Die Verwandlung diffuser Gase in Sterne ist die Hauptaktivität des Universums. Früher gingen die Astronomen davon aus, dass sämtliche Sterne und Planeten in einer Frühphase des Universums entstanden sind. Seit etwa 60 Jahren wissen wir: Die Geburt von Sternen hat niemals aufgehört - sie entstehen auch heute noch.

STANDARD: Woraus bestehen Sterne?

Alves: Das Rohmaterial ist molekularer Wasserstoff plus ein bisschen Helium. Voraussetzung für die Geburt von Sternen ist allerdings, dass sich das Rohmaterial abkühlt. Soweit wir wissen, geschieht das am besten durch die Wechselwirkung mit kosmischen Staubpartikeln. Staub ist gewissermaßen ein Kühlmittel für heißen Wasserstoff.

STANDARD: Woraus besteht der Staub, und woher kommt er?

Alves: Er besteht aus Silikaten und Kohlenstoff und entsteht durch die Explosion älterer Sterne. Das Universum betreibt also gewissermaßen Recycling. Das wirft allerdings die Frage auf, wie in Urzeiten die erste Sternengeneration entstehen konnte, obwohl es damals noch keine Staubpartikel gab. Wir kennen die Antwort noch nicht. Die Entstehung von Sternen ist am Computer schwierig zu simulieren, weil der Prozess so viele Größenordnungen überspringt: Angenommen, wir hätten im Weltraum eine diffuse Gaswolke aus Wasserstoff und Helium von der Größe Österreichs. Würde sie sich zu einem Stern verdichten, wäre sie nur mehr so groß wie eine Münze. Natürlich sind die Gaswolken viel größer, ihr Durchmesser kann bis zu 300 Lichtjahre betragen - das Beispiel soll nur zeigen, wie gewaltig die Verdichtung des Ausgangsmaterials ist.

STANDARD: Sind Planeten eigentlich aus dem gleichen Stoff gemacht wie Sterne?

Alves: So ist es, beide entstehen aus Staub und kosmischen Gasen, die zu einer rotierenden Scheibe kollabieren. Ungefähr 99 Prozent dieser Scheibe verdichten sich zu einem Stern. Aus dem Rest entstehen die Planeten.

STANDARD: Wie viel Prozent aller Sterne haben Planeten?

Alves: Bis vor kurzem hatten wir keine Ahnung. Jüngste Beobachtungen mit dem Weltraumteleskop Kepler legen nahe: Sämtliche Sterne sind von Planeten umgeben. Und 17 Prozent aller Planetensysteme sollten Schätzungen zufolge mindestens einen erdähnlichen Planeten besitzen.

STANDARD: Inwiefern ähnlich?

Alves: Es sollte sich um Gesteinsplaneten mit einer ähnlichen Masse wie die Erde handeln. Das bedeutet aber nicht, dass es auf diesen Planeten auch flüssiges Wasser oder gar Leben gibt.

STANDARD: Gibt es im Universum Leben?

Alves: Dass auf anderen Planeten Lebewesen existieren, davon bin ich überzeugt. Gäbe es da draußen kein Leben, wäre das eine ziemliche Raumverschwendung! Ob es anderswo auch Zivilisationen gibt, muss ich offenlassen. Fakt ist: An unserem Sonnensystem ist nichts Besonderes. Es gibt keinen Grund, sich einzigartig zu fühlen. An der Universitätssternwarte arbeiten wir zurzeit mit Kollegen der TU Wien und des Austrian Institute of Technology AIT an einem kleinen Projekt, das mit diesem Thema zu tun hat. Wir suchen nach Signalen, die von Zivilisationen stammen könnten. Es ist nicht einfach, Projektgelder für diese Art von Forschung zu organisieren: Also betreiben wir dieses Projekt eben in unserer Freizeit.

STANDARD: Welche Signale suchen Sie?

Alves: Kurze Laserpulse. Man kann damit zwischen Sternen kommunizieren und benötigt dafür nicht sonderlich viel Energie. Wir haben noch nichts gefunden, aber die Methode funktioniert.

STANDARD: Könnte es auch natürliche Quellen für diese Signale geben?

Alves: Theoretisch könnten solche Laserpulse auch in schwarzen Löchern entstehen. Sollten wir etwas finden, wäre das auf jeden Fall eine Sensation.

STANDARD: Der Physiker Enrico Fermi hat gesagt: Wenn es da draußen intelligente Wesen gibt - warum lassen sie nichts von sich hören?

Alves: Nun ja, kommunizieren Sie beispielsweise mit Insekten? Nein, tun Sie nicht. Warum sollten die Außerirdischen mit uns kommunizieren?

STANDARD: Zumindest hat der Mensch schon Signale in den Weltraum geschickt, um auf seine Existenz hinzuweisen.

Alves: Stimmt. Aber es könnte auch sein, dass wir die erste Zivilisation im Universum sind.

STANDARD: In den 1970er-Jahren haben Forscher der Ohio State University ein Radiosignal empfangen, von dem bis heute nicht klar ist, ob es von außerirdischen Intelligenzen stammt oder nicht. Was ist Ihre Meinung zu diesem heute so bezeichneten Wow!-Signal?

Alves: Das Signal wurde leider nur einmal empfangen. Was sich nicht wiederholen lässt, existiert nicht. Das ist die Grundregel der Naturwissenschaft. (Robert Czepel, DER STANDARD, 26.6.2013)


João Alves studierte in Lissabon und Harvard Astronomie, nach Forschungsaufenthalten in Deutschland und Spanien nahm er vor drei Jahren eine Professur am Institut für Astrophysik der Universität Wien an. Kürzlich hielt er an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag mit dem Titel "Cracking the Code of Star Formation".

  • Der Portugiese João Alves, Vorstand des Instituts für Astrophysik der Uni Wien, beschäftigt sich mit der Entstehung von Sternen.
    foto: standard/christian fischer

    Der Portugiese João Alves, Vorstand des Instituts für Astrophysik der Uni Wien, beschäftigt sich mit der Entstehung von Sternen.

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