Fünfhundertste Hinrichtung in Texas steht bevor

27. Juni 2013, 11:55
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Anwältin von 52-Jähriger sieht ein Beispiel des hartnäckigen Erbes des Rassismus

Wenn ein Richter den Termin nicht in letzter Minute verschiebt, wird Kimberly McCarthy am Mittwoch gegen Mittag eine klimaanlagenkühle, fensterlose Zelle im "Death House" betreten, im Hinrichtungstrakt des Gefängnisses von Huntsville.

Ein Geistlicher wird sich bereithalten, falls sie mit ihm reden möchte - manchmal sind es stundenlange Gespräche, manchmal überaus kurze. Sie darf eine letzte Mahlzeit bestellen, wobei die Erfahrung besagt, dass Frauen in den letzten Stunden lieber fasten.

Festgeschnallt, Arme abgespreizt

Am frühen Abend, kurz vor 6 Uhr, wird ein Aufseher die schwere Zellentür aufschließen und Kimberly McCarthy in eine drei mal vier Meter große Kammer mit türkisfarbenen Wänden, grellen Neonröhren und einer Liege führen, die man mit stabilen Bolzen im Fußboden verankert hat.

Festgeschnallt, die Arme fast waagerecht abgespreizt, sodass es den Huntsville-Autor Robert Perkinson an das Bild einer Kreuzigung erinnert, wird die 52-Jährige ein letztes Mal etwas sagen dürfen, bevor dreierlei Wirkstoffe in ihre Venen strömen. Zuerst ein Betäubungsmittel, dann Pancuroniumbromid, das die Lunge lähmt, schließlich Kaliumchlorid, um den Herzschlag zu stoppen.

Makabrer Meilenstein

Es ist ein makabrer Meilenstein, in Texas die 500. Exekution, seit der Oberste Gerichtshof zu Washington 1976 Hinrichtungen auf amerikanischem Boden nach vierjähriger Pause wieder gestattete.

Und das dritte Mal, dass sich McCarthy innerlich wappnen muss für die Giftspritze. Sowohl im Jänner als auch im April hatte Maurie Levin, ihre Anwältin, unmittelbar vor der Vollstreckung einen Aufschub erwirkt. Es muss eine Achterbahn der Gefühle gewesen sein, auch wenn Levin ihre Klientin als geradezu fatalistisch schicksalsergeben beschreibt. "Sie ist ein sehr gläubiger Mensch. Sie glaubt, dass geschehen wird, was geschehen muss, weil alles in Gottes Hand liege."

Nachbarin getötet

Der Mord, der McCarthy in den Todestrakt brachte, liegt 16 Jahre zurück. In Lancaster, einer tristen Satellitenstadt am Rande von Dallas, soll die Therapeutin eines Altersheims eine betagte Nachbarin namens Dorothy Booth getötet haben, um an Geld für die nächste Dosis Crack zu kommen.

Kimberly McCarthy hat dunkle Haut, Dorothy Booth hatte helle, und die Geschworenenjury, welche die Afroamerikanerin zum Tode verurteilte, bestand fast durchgehend aus Weißen. Für Maurie Levin ist das die Crux. Die Rechtsprofessorin, die in Austin lehrt, einer liberalen Enklave im eher konservativen Texas, spricht vom hartnäckigen Erbe des Rassismus.

Nur ein schwarzes Jurymitglied

Ein einziger Afroamerikaner saß in der 13-köpfigen Jury, obwohl Schwarze nahezu ein Viertel der Bevölkerung des Gemeindebezirks Dallas County stellten. Weit zurückblendend, zitiert Juristin Levin den Fall eines Rektors, der ein vornehmlich von Schwarzen besuchtes College leitete und den weiße Überlegenheitsfanatiker im Dallas County 1938 wie einen aufsässigen Sklaven die Gerichtstreppe hinabstießen, nachdem er darauf bestanden hatte, einer Jury anzugehören.

Noch 1963 legte ein texanisches Handbuch den Staatsanwälten nahe, "keine Juden, Neger, Mexikaner oder Angehörige jeglicher Minderheit" zum Geschworenendienst zuzulassen. Und noch 1986 enthielt eine Anleitung den merkwürdigen Hinweis, man möge weder Juroren mit Goldkettchen aufnehmen noch "solche, die Freidenker zu sein scheinen". (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 26.6.2013)

Update vom 27.6.2013

Kimberly McCarthy wurde nach Angaben der Strafvollzugsbehörden am Mittwoch im Gefängnis von Huntsville per Giftspritze getötet. Vor dem Gefängnis hielten etwa 30 Gegner der Todesstrafe eine Mahnwache ab.

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    Zweimal wurde die Hinrichtung McCarthys verschoben.

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