Aufpassen, dass Frauenförderung nicht "abstirbt"

25. Juni 2013, 18:05
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Frauen werden bei Bewerbungen für wissenschaftliche Stellen oft systematisch diskriminiert - Viele Maßnahmen sollen dem entgegenwirken

Beruf der Eltern, Religionszugehörigkeit, Geburtsort, Geschlecht, illustriert durch ein Gesicht - Lebensläufe konstruieren eine Person, sie zeichnen das Leben nach, als ob es orchestriert wäre. Gerade die Details machen den Unterschied bei Bewerbungen aus - im Falle des Geschlechts zum Nachteil der Frauen.

Diesen Herbst starten die Bauingenieure der Technischen Universität Wien ein Pilotprojekt, bei dem anonyme Bewerbungsverfahren verwendet werden. Im Zentrum steht die Frage: "Wie kann gewährleistet werden, dass nicht das Geschlecht den Ausschlag gibt?" Es ist eine der Maßnahmen, die aus der 2011 abgeschlossenen Studie "Leaky Pipeline" hervorging, die unter anderem zeigte, dass auch an der TU Wien Frauen systematisch schlechter bewertet werden, wenn ihr Geschlecht aus der Bewerbung hervorgeht.

"Das ist kein TU-Phänomen", sagt Brigitte Ratzer, Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Genderstudies an der TU Wien. "Wir haben es trotzdem für die TU untersucht, auch weil viele nicht daran glauben konnten. Der Befund war unerfreulich, aber nicht unerwartet."

Die Vielzahl an Förderungen - Mentoringprogramme, Stipendien für Frauen, Quotenregelungen in Gremien oder die Ernennung von Expertinnen zu Role- Models - verrät, dass noch viel zur Gleichberechtigung der Frauen in der Wissenschaft geleistet werden muss. Auch die Zahlen zeigen: Mit jeder Stufe der akademischen Karriere gehen Frauen verloren. 2011 waren an Österreichs Unis zwar die Absolventinnen mit Erstabschluss (Bachelor oder Diplom) mit 57,8 Prozent in der Überzahl, bis zur Professorenebene, wo 2011 nur 20,6 Prozent weiblich besetzt waren, zeigt sich allerdings ein massiver Rückgang des Frauenanteils (siehe Grafik).

Mit dem Uni-Gesetz von 2002 wurde Frauenförderung an den Hochschulen Österreichs zur Strukturmaßnahme. Davor gab es in Wien und Graz interuniversitäre Einrichtungen. Sie arbeiteten allerdings ohne Verankerung und hatten insofern kaum Handlungsspielraum. Dennoch spielten sie eine wesentliche Rolle, meint Ratzer: "Hätte es die nicht gegeben, wäre das Ministerium nicht auf die Idee gekommen, dass es das geben könnte."

Minimale Standards

Viel habe sich deswegen an den Unis getan, "weil der Gesetzgeber gesagt hat: Es ist ein Muss". Standards "im Minimalen" hätten sich deshalb herauskristallisiert, weil das Wissenschaftsministerium immer wieder sehr gezielt bei den Leistungsvereinbarungen Frauenförderungsmaßnahmen gefordert habe. An den Fachhochschulen sei dahingehend wenig passiert.

Seitdem gehe die Entwicklung weiter in Richtung struktureller Maßnahmen und weg von Individualförderungen. Auf Ebene der Dissertantinnen ist beispielsweise das Doc-fForte-Stipendium der Akademie der Wissenschaften, das ausschließlich Frauen in den Naturwissenschaften gefördert hat, letztes Jahr ausgelaufen. Frauen sollen in den bestehenden Stipendienkategorien gleichberechtigt zum Zug kommen - ein immer wiederkehrendes Argument.

Die Problematik solcher Individualstipendien für Frauen werde deutlich, wenn dergestalt einigen Frauen zwar die Habilitation ermöglicht wird, jedoch ohne Behalteklausel, womit diese später oft wieder ohne Job dastünden. Man müsse aufpassen, dass Frauenförderung "nicht aus Versehen abstirbt", meint Ratzer. Sie plädiert für strukturelle Maßnahmen und dafür, dass es klare Vorgaben an Fakultäten geben müsse. Dabei sei die Unternehmenskultur der Hochschule eine besondere, denn die Autonomie der Professorenschaft und die starke dezentrale Organisation mache reine Topdown-Aktionen unmöglich.

Eine Studie der Fraunhofer- Gesellschaft zu Karriereverläufen von Frauen von letztem Herbst kam zu dem Ergebnis, dass die Gründe für Karrierebrüche in den Unternehmenskulturen zu finden sind. Da generell ein hohes Maß an Flexibilität und "extremer Leistungsorientierung" verlangt wird, stellen Fürsorgepflichten für Kinder oft eine "kaum überwindbare Karrierehürde" dar. Role-Models könnten dem entgegenwirken.

Die Femtech-Initiative des Infrastrukturministeriums zielt darauf ab, Frauen in Forschung und Technologie sichtbar zu machen. Was die Karriereverläufe von Frauen in der Wissenschaft angeht, hat sie kein Patentrezept anzubieten, meint etwa die Femtech-Expertin des Monats Mai, Elisabeth Spitzenberger von der Energie AG Oberösterreich. Wichtig sei, dass Frauen den Mut finden, individuell ihren Weg zu gehen, "dann wird sich einer finden, der am besten zu einem passt". (Louise Beltzung Horvath und Tanja Traxler, DER STANDARD, 26.6.2013)

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