Österreichs Familien geben 118 Millionen Euro im Jahr für Nachhilfe aus

25. Juni 2013, 18:31
609 Postings

Unterricht und Übungen am Nachmittag würden den Nachhilfebedarf halbieren, sagt Bildungsexperte Schilcher

Wien/ Graz - Am Ende jeden Schuljahres wird abgerechnet. In den Lehrerkonferenzen werden die Jahresnoten ermittelt, daheim am Küchentisch wird ausgerechnet, was die Zeugnisnoten diesmal wieder gekostet haben, wie viel für die Nachhilfe hingelegt werden musste. Im Schnitt - so hat die Arbeiterkammer jetzt vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut IFES erheben lassen - zahlten betroffene Familien im Schuljahr für Nachhilfe mehr als 600 Euro.

Hochgerechnet von den Angaben der 2901 befragten Eltern werden im Jahr in Summe gut 118 Millionen Euro für Nachhilfestunden gezahlt. Den Großteil des Kuchens holen sich - laut einer zusätzlichen Erhebung der AK Steiermark - die privaten Lernhilfeinstitute. Ein Drittel der Familien schickt ihre Kinder in eine dieser Privateinrichtungen.

25 Prozent der Eltern engagieren Studenten, in einem weiteren Viertel jener Familien, die Nachhilfe für ein Kind benötigen, kümmern sich Verwandte oder Geschwister um die Lernhilfe. 18 Prozent wenden sich an Lehrer oder Professoren. Wobei der Lehreranteil etwas trügt. Unterm Strich verdienen die Berufspädagogen natürlich mehr als den 18-Prozent- Anteil, da ihre Nachhilfehonorare in der Regel höher sind als jene der Studierenden.

Rund die Hälfte der befragten Eltern fühlt sich jedenfalls finanziell durch die Ausgaben für Nachhilfe "sehr stark" oder zumindest "spürbar" belastet. Es treffe besonders die sozial und finanziell schwächer gestellten Haushalte, sofern bezahlte Nachhilfe überhaupt leistbar ist, heißt es in der AK. Die hohen Nachhilfekosten sind laut Erhebung aber nur ein Teil des Problems: Mehr als drei Viertel der Befragten gaben zu Protokoll, dass sie zu Hause regelmäßig mit ihren Kindern lernen müssen. Dabei fühlt sich der Großteil der Eltern meist überfordert, was in jeder fünften Familie zu innerfamiliären Konflikten führt. Sechs von zehn Eltern tun sich generell schwer, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen und das Wissen vor Tests oder Schularbeiten zu überprüfen. Ebenso viele haben damit zumindest in einzelnen Fächern große Probleme (speziell in Mathematik und Fremdsprachen).

"Lernen wird privatisiert"

Bildungsexperte Bernd Schilcher hält das Problem der Nachhilfe " grundsätzlich für einen Skandal". Die Ursache, warum in Österreich nach wie vor hohe Summen von den Familien für Nachhilfe aufgebracht werden müssen, liegt laut Schilcher in der "viel zu kurzen Schulzeit". "Im Jahr wird nur noch 180 Tage in der Schule gearbeitet, das ist für den Lernstoff und die Schüler einfach viel zu wenig Zeit. Das Lernen wird dann sozusagen privatisiert und ausgelagert", sagt der ehemalige steirische Landesschulratspräsident im Gespräch mit dem Standard.

Den Schülerinnen und Schülern werde in der kurzen verbleibenden Zeit der Unterrichtsstoff komprimiert "hineingedrückt", was zur Folge habe, dass " viele nicht mehr mitkommen und Nachhilfe brauchen". Dass an Österreichs Schulen an 185 Tagen nicht gearbeitet werde, sei im OECD-Vergleich ein alarmierender Wert .

Die Lösung des Nachhilfeproblems sei "relativ einfach", sagt Schilcher. Es funktioniere nur über verschränkte Ganztagsschulformen mit einem vermehrten Angebot an Unterricht und Übungen am Nachmittag. Der Nachholbedarf würde sich schlagartig um die Hälfte reduzieren. Mit den jetzt angedachten "Sechs-Euro-Jobs für Hilfskräfte, die nur auf die Schüler aufpassen, damit sie am Nachmittag nicht abhauen", sei jedenfalls nichts gerichtet.

Die "ideologische Verbohrtheit" seiner Partei verhindere hier aber Änderungen. "Die ahnungslosen Spitzenpolitiker haben keinen Tau von der Schule. Sie wissen nur eines, dass sie von ihrer Meinung nicht abrücken" , sagt Ex-ÖVP-Politiker Schilcher. (Walter Müller, DER STANDARD, 26.6.2013)

  • Kinder sollten wie hier an der Rothenburgschule in Wien länger und differenzierter unterrichtet werden, damit sie sich die Nachhilfe ersparen, fordert Bildungsexperte Bernd Schilcher.
    foto:der standard/urban

    Kinder sollten wie hier an der Rothenburgschule in Wien länger und differenzierter unterrichtet werden, damit sie sich die Nachhilfe ersparen, fordert Bildungsexperte Bernd Schilcher.

Share if you care.