Jury des Bachmann-Preises lädt Wrabetz zu Gespräch nach Klagenfurt

25. Juni 2013, 15:23
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Offener Brief an ORF-General: "Ökonomische Kalküle haben zweifelsohne ihre Berechtigung. Sie dürfen aber nicht in allen Lebensbereichen die Oberhand gewinnen" - Brief im Wortlaut

Die Jury des diesjährigen Wettlesens um den Bachmann-Preis hat ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz angesichts der möglichen Einsparung der Tage der deutschsprachigen Literatur zum Gespräch geladen. "Kommen Sie doch bitte nächste Woche nach Klagenfurt", schrieb Jury-Sprecher Burkhard Spinnen gut eine Woche vor dem diesjährigen Auftakt stellvertretend für die Jury in einem Offenen Brief.

Ökonomische Kalküle hätten zweifelsohne ihre Berechtigung, heißt es in dem Brief, sie dürften aber nicht allen Lebensbereichen die Oberhand gewinnen. "Wir verstehen nicht, dass eine so traditionsreiche Veranstaltung, die dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF ideal entspricht (...) und seit Jahrzehnten sein Renommee als Kultursender wesentlich ausmacht, von der Geschäftsführung in Frage gestellt wird." Daher mache sich die Jury für den Erhalt der Veranstaltung stark.

Der Brief im Wortlaut

"Offener Brief an Dr. Alexander Wrabetz, Generaldirektor des ORF

Sehr geehrter Herr Dr. Wrabetz,
Sie haben sicher erfahren, dass Ihre Überlegung, den Wettbewerb zur Vergabe des Bachmannpreises in Klagenfurt ab dem Jahr 2014 nicht mehr durchzuführen, auf breite Ablehnung gestoßen ist. Auch wir, die Jury, machen uns stark für den Erhalt einer Veranstaltung, die seit 1977 jedes Jahr einen der Höhepunkte im gesamten deutschsprachigen Literaturleben markiert.

Der Wettbewerb bietet vor allem jüngeren Autorinnen und Autoren eine herausragende Plattform für ihre Arbeit. Seine Ausrichtung und Übertragung vermitteln den Stellenwert, den Literatur in unserer Gesellschaft hat. Daran gilt es festzuhalten. Die Diskussionen der Jury zeigen, wie vielfältig man auf Literatur reagieren kann. Es gibt in der Literatur keine einfachen Wahrheiten. Sie besteht aus Sprache, und das heißt Deutung, Auseinandersetzung und Interpretation.

Ökonomische Kalküle haben zweifelsohne ihre Berechtigung. Sie dürfen aber nicht in allen Lebensbereichen die Oberhand gewinnen. Wir verstehen nicht, dass eine so traditionsreiche Veranstaltung, die dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF ideal entspricht, also zu seinem "Kerngeschäft" gehört und seit Jahrzehnten sein Renommee als Kultursender wesentlich ausmacht, von der Geschäftsführung in Frage gestellt wird. Das allein beschädigt bereits das Ansehen des Wettbewerbs und missachtet die Anstrengungen aller Mitwirkenden. Wir würden Sie gerne zu einem Gespräch vor Ort einladen. Kommen Sie doch bitte nächste Woche nach Klagenfurt. Lassen Sie uns offen miteinander reden.

Mit freundlichen Grüßen: Die Jury des Bachmannpreises im Jahr 2013

Maike Fessmann, Hildegard Keller, Daniela Strigl, Paul Jandl, Juri Steiner, Hubert Winkels, Burkhard Spinnen (Sprecher)" (APA/red, 25.6.2013)

 

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