Gunst am Bau oder Die Ungeniertheit der Macht

Kommentar der anderen24. Juni 2013, 19:33
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Bürgermeister Michael Häupl ehrte dieser Tage Immobilentycoon Erwin Soravia mit der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Stadt Wien - Hätte es nicht besser heißen müssen: für Verdienste an der Stadt Wien?

Wer das Baugeschehen in Wien mitverfolgt, weiß, dass die hehren Ziele des Rathauses und die faktische Entwicklung der Donaumetropole mitunter weit auseinanderklaffen. Anstatt einer kleinteiligen und nutzungsdurchmischten Bebauung in einer fußläufigen Stadt der kurzen Wege entstehen vielerorts große monofunktionale Komplexe: sogenannter Investoren-Städtebau, der den Anspruch der Urbanität und Nachhaltigkeit nur in Marketing-Broschüren aufrechterhalten kann. Man könnte meinen, dass dies - wir sind in Österreich! - eben an mangelnder politischer Durchsetzungskraft, planungsbehördlichen Reibungsverlusten oder den " Sachzwängen" der realen Stadtentwicklung läge.

Sieht man aber, wer jene Akteure sind, die ihre Interessen auf Kosten einer geordneten und zukunftstauglichen Stadtentwicklung durchsetzen, und mit wessen politischer Unterstützung sie das tun, offenbart sich, dass viele Fehler nicht einfach passieren, sondern ganz bewusst begangen werden - weil manche Stadtväter weniger das Wohlergehen Wiens als das ausgewählter Baumagnaten und ihrer Geldgeber im Sinn haben dürften. Geradezu unverschämt wirkt es, wenn dann noch versucht wird, den Wählern und Steuerzahlern vorzumachen, dass der Raubbau an der Stadt der Allgemeinheit diene.

"Ein Dankeschön"

So geschehen neulich bei der Verleihung des Goldenen Verdienstkreuzes des Landes Wien an Erwin Soravia, die Bürgermeister Michael Häupl als " ein Dankeschön der Stadt für die unternehmerischen Leistungen Soravias" bezeichnete. Bei ernsthafter Betrachtung, was der Immobilienentwickler und Bauträger bis dato in Wien hinterlassen hat, stechen weniger die Verdienste Soravias um die Stadt, als seine Verdienste an der Stadt ins Auge. Sein Großprojekt TownTown wurde gar zum Synonym für fragwürdige Public-Private-Partnerships.

Bei der U3-Station Erdberg hatte er gemeinsam mit den Wiener Linien die hier oberirdisch verlaufenden U-Bahn-Gleise überplattet, um darüber ein neues Stadtviertel zu entwickeln. Wie auch bei anderen derartigen Projekten wurde suggeriert, dass mit TownTown ein vitales Zentrum entstehe - geplant von den namhaftesten Architekten des Landes. Tatsächlich aber sollte es sich um einen reinen Office Campus aus 19 teils hochhausgroßen Bürobauten für erhoffte 5.000 Beschäftigte handeln - meterhoch abgehoben von der umgebenden Stadt.

Ab 2002 hätte die Verwertung von TownTown beginnen können, doch herrschte am übersättigten Wiener Büromarkt keinerlei Interesse an dem zweitklassigen Projekt. Aufseiten der Soravia-Gruppe war es "lediglich" ein wirtschaftliches Problem, dass die 47 Millionen Euro teure U-Bahn- Überplattung über mehrere Jahre unverzinst brach lag. Im Fall der Wiener Stadtwerke, die in den Jahren 2002 und 2003 laut Medienberichten zweistellige Millionen-Defizite verbuchten, wurde die Investition mit der Zeit aber auch zum politischen Problem. Denn zu deren Aufgaben zählen Energieversorgung, öffentlicher Verkehr oder auch Bestattung, nicht aber die hochspekulative Entwicklung von Immobilien.

Wende

Die Wende gelang erst, als das Rathaus, aus dem zuvor mehrfach verlautete, dass die Stadt keinen Quadratmeter in TownTown anmieten würde, im Herbst 2005 beschloss, den Wiener Krankenanstaltenverbund, die Landessanitätsdirektion und die Magistratsabteilung 15 an den bislang verwaisten Bürostandort zu verlagern. So konnte die Errichtung der ersten 26.000 Quadratmeter Mietfläche endlich in Angriff genommen - und umgehend an einen deutschen Immobilienfonds weiterverkauft werden.

Heute ist TownTown bis auf ein noch zu errichtendes Hochhaus fertiggestellt. Neben dem Headquarter der Wiener Stadtwerke sind mittlerweile auch noch andere Magistratsämter auf die Platte übersiedelt. Und auch für den noch ausständigen 80 Meter-Turm stehen vor allem kommunale Institutionen als Mieter im Gespräch. An der Atmosphäre von TownTown wird aber auch er nichts mehr ändern: Der knapp vier Hektar große Büro- und Verwaltungscluster ist außerhalb der Dienst- und Amtszeiten förmlich ausgestorben und wirkt auf sein Umfeld wie eine Burg. Die Soravia-Gruppe hat ihre Anteile an TownTown inzwischen verkauft - und plant gleich daneben, am Standort des ehemaligen Hauptzollamts, drei weitere Wolkenkratzer.

Ein anderer Soravia-Turm soll an der Reichsbrücke entstehen, wo bisher ein vergleichsweise niedriges, brachgefallenes Gebäude den Übergang zwischen dem Wohnhochhaus von Architekt Harry Seidler und der Donau bildete. Dieser Leerstand, an dem Soravia Anteile hält, könnte nun einem 150 Meter-Turm weichen und vielen Bewohnern des Seidler-Baus ihren Ausblick kosten. Auch in diesem Fall scheint es zumindest verfrüht, das Projekt als Geschenk für die Stadt zu bezeichnen - im Gegenteil: Es steht zu befürchten, dass das Rathaus mit einer neuen Flächenwidmung den Wert des Soravia-Grundstücks vervielfacht, ohne dafür entsprechende Gegenleistungen oder eine Abgeltung für die betroffenen Anrainer zu fordern.

Da die demokratischen, volkswirtschaftlichen und urbanistischen Schattenseiten des Wiener Baubooms in der politischen Bilanz einiger scheinbar nicht ins Gewicht fallen, bleibt abzuwarten, welcher Immobilientycoon als nächster für seine Verdienste ausgezeichnet wird. Kandidaten gibt es genug. (Reinhard Seiß, DER STANDARD, 25.6.2013)

Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Sein Buch "Wer baut Wien?" erschien 2013 in der vierten Auflage.

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    Hochhäuser als Goldgrube: Erwin Soravia (Zweiter von links) im Kreise kommunaler Funktionsträger beim Spatenstich für das "TownTown"-Projekt auf der Erdberger Platte.

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