Neue EU-Außengrenze war einst Wall gegen die Osmanen

    25. Juni 2013, 05:30
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    Die neue EU-Außengrenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina war für Jahrhunderte die Grenze zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich

    "Die Türken (ich verstehe hier auch die Christen und Juden, welche in Bosnien wohnen) dürfen, aus allgemein bekannten und sehr begreiflichen Ursachen, nicht überall und allemal, wo und wann es ihnen einfällt, zu uns herüber; und der Verkehr mit denselben ist gewissen nothwendigen Sicherheitsmassregeln unterworfen", schrieb Johann v. Csaplovics im Jahr 1819 in seinem Buch "Slavonien und zum Theil Croatien – Ein Beitrag zur Völker- und Länderkunde".

    Mit dem Beitritt am 1. Juli wird Kroatien nicht nur die längste EU-Außengrenze haben, durch die Zollregelungen und die verschärften Sicherheitsmassnahmen tritt auch die jahrhundertlang bestehende Militärgrenze zwischen Österreich- Ungarn und dem Osmanischen Reich wieder stärker ins Bewusstsein, die sich an der heutigen bosnisch-kroatischen Grenze befand. Der kroatische Historiker Ivan Filipović glaubt etwa, dass die neue EU-Außengrenze "sehr an die alten Zeiten erinnern wird". "Es wird wie damals. Es ist dieselbe uralte Grenze, welche mit dem Frieden von Sremski Karlovci 1699 gezogen wurde. Damals wurden die Una und die Save zur Außengrenze der Monarchie."

    Die Militärgrenze entstand im 16. Jahrhundert und wurde nach den Eroberungen von Prinz Eugen (1663-1736) in Slawonien und Syrmien erweitert. 1522 begannen die ersten Investitionen von österreichischen und kroatischen Adeligen in die Verteidigung von Kroatien. Auf kleineren Festungen wurden Truppen stationiert. 1578 kam das Grenz-Territorium unter österreichische Verwaltung, die in Graz angesiedelt war. 1699 nach dem Frieden von Karlovci wurde die Militärgrenze dann stark erweitert und unter Maria Theresia reformiert und ihre Zentralverwaltung nach Wien verlegt. „Die Regimenter wurden damals organisiert, die Gesellschaft wurde diszipliniert", erzählt der Zagreber Historiker Ivan Filipović.

    Zur Grenze gehörte die gesamte Region Lika, während sie an der Save nur 15 bis 20 Kilometer ausmachte. "Nördlich von Knin stieß sie an den Triplex Confinium, dort wo das Osmanische Reich, das Habsburgerreich und Venedig aufeinandertrafen", erklärt Filipović. Die größten Festungen waren Karlovac, Brod, Osijek und Peterwardein (das heutige Petrovaradin in der Nähe von Novi Sad).

    Bereits im 16. Jahrhundert wurde gezielt Bevölkerung angesiedelt. So wurden etwa Wlachen, meist orthodoxe Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich in das Gebracht – sie hießen Uskoci, was so viel bedeutet wie „die, die hineinspringen".  „Manche waren vorher bei den Osmanen und sind dann übergelaufen", erklärt Filipović. „Innerhalb der Militärgrenze waren die Menschen keine Kmeten (Fronbauern) und mussten keine Abgaben leisten."Die Grenzer waren also beides – Soldaten und Bauern.

    Auf dem gesamten kroatischen Territorium gab es elf Regimenter, sie trugen die Namen der Stabsorte. Und die Leute sahen sich selbst als Grenzer, bezeichneten sich etwa nach dem Stabsort Otočac, als Ottochaner. Alexander Roda Roda schreibt etwa vom „Unteroffiziersball in Ototschatz" an den „lieben Bruder Glischo!": Viele Brieflein habe ich Dir schon von Herzen geschreibet aus dem lustigen Ototschatz, aber bei Gott ist unserm Garnisone ein Unteroffiziersball erblühet, ob Du mich nicht für einen Trottel haltest, das war so: Zu Sylvester haben wir etwas laut getrunken, dass der Soldat mit süßem Gefühl tretet ins neue Jahr (...) Unser Herr Oberst ist ein herrschsüchtiger aber gütiger Befehlshaber, welchen wir lieben im Sinne des Dienstreglegements, I. Teil. Gefraget, was wir wollen, sagte er: Gut sollet tanzen, jedoch am Samstage, dass alles nüchtern sei zum Dienste (...) Manche Regimenter waren orthodox. „Aber insgesamt waren sie eher katholisch", so Filipović. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie im Zuge des wachsenden Nationalismus als kroatisch oder serbisch identifiziert.

    Die Familien wurden so organisiert, dass möglichst viele Soldaten in den Krieg geschickt werden oder für den Militärdienst arbeiten konnten. Als Chef der oft aus drei, vier Generationen bestehenden Großfamilie, der Zadruga, war der älteste Mann. Seiner Frau waren alle anderen Frauen unterstellt. „Diese patriarchalische Familienform wurde den Leuten von den Militärbehörden aufgezwungen, die wollten das gar nicht", so Filipović. Doch in Wien befand man das System Großfamilie als besonders effizient. Selbst die Militäruniformen für die Soldaten mussten die Grenzer selbst herstellen. „Das war für die Monarchie eine sehr günstige Armee", so Filipović. „Die Soldaten haben am Ende nicht viel gehabt. Deswegen waren Kriege immer auch Beutezüge." Weil die Männer oft im Krieg waren, litt auch die Wirtschaft. Die Militärgrenze blieb ein rückständig ausschließlich rurales Land.

    Innerhalb der Grenze mussten die Männer Kordondienst leisten. Sie saßen jeweils eine ganze Woche lang in Wachhäusern, sogenannten Csardaken.

    „Mögen die Muselmänner wo immer her einfallen, so ist die ganze Grenze höchsten ins 4 Stunden in Allarm gesetzt, und bereit, dort wo es nöthig ist, zu operiren", schreibt Csaplovics. An den Grenzstationen gab es Alarmstangen, die mit Stroh umwickelt waren. Im Fall eines „Türkeneinbruchs" wurden diese angezündet und so Zug um Zug die gesamte Grenze alarmiert. „Bei der grossen Friedfertigkeit der Türken ist diess der Fall zwar schon lange nicht gewesen, allein man ist doch zu jeder Stunde bereit dergleichen Rossschweifbesuche gehörig zu empfangen", so Csaplovics.

    Den Grenzern war es erlaubt Waffen zu tragen, im zivilen Teil Kroatien war dies nicht der Fall. Aus den dem Wiener Hof ergebenen Grenzer wurde bald eine kleine Elite der Offiziersfamilien: die ersten theresianischen Offiziere konnten großteils nicht einmal schreiben, bekamen aber aus Wien Adelsbriefe und konnten ihre Namen mit einem „von" schmücken. In der zweiten Generation waren sie bereits Absolventen der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt, in der dritten Generation bereits Generäle: etwa Petar Preradović, der Großvater von Paula Preradović, Emil Woinovich war Direktor des Wiener Kriegsarchivs, Josip Filipović leitete die Okkupation Bosnien-Herzegowinas, sein Bruder war der letzte Kommandeur der Militärgrenze. Auch die Vorfahren der jeztigen Außenministerin Vesna Pusić, waren in mehreren Generationen Militärgrenzoffiziere.

    Die Grenze war aber nicht nur ein Wall gegen das Osmanische Reich, sondern auch ein „cordon sanitaire" gegen die Pest. „Die Schuldigkeit der Cordonswache ist genau darauf zu sehen, dass ausser den Rastell- (Markt) Tagen, welche zum Verkehr bestimmt sind, kein Mensch, sei er Christ, Türk oder Jude, aus Bosnien herüberkomme", schreibt Csaplovics. „Will jemand, besonders zur Pestzeit, mit aller Gewalt herüber, der wird, wenn er auf die Mahnung umzukehren nicht achtet, ohne weiters erschossen."

    Waren aus dem Osmanischen Reich mussten 42 Tage in Quarantäne, Menschen mussten zehn und zwanzig Tage in sogenannten Contumazhäusern warten und durften niemanden berühren. Es sei leicht verständlich, dass die „Eingesperrten, wenn sie an die 20 Tage lang in einem Fort in der Contumaz temporisiren müssen, ein wenig lange Weile haben mögen", versucht Csaplovics die Gefühle der Reisenden nachzuvollziehen. „Sie fügen sich dann in ihr Schicksal und schmauchen eine Pfeife nach der andern in philosophischer Ruhe", schreibt er. Essen wurde ihnen zum Fenster hineingereicht.

    Für jene, die den Markt auf der Seite der Monarchie besuchten – es gab insgesamt zwölf solche als Skellen bezeichnete Plätze auf österreichischer Seite - galten andere Regeln. Sie mussten nicht in Quarantäne, auf dem Marktplatz wurden sie aber eingezäunt, sodass sie niemandem die Hand reichen konnten. Ein Reinigungsdiener überwachte die Situation. Wenn man sich einigte, musste der „Türke" das Geld in eine Schüssel mit Essig werfen, wodurch das Geld „pestfrei" gemacht wurde. Andere Leute wurden dazu abgestellt, in Wolllieferungen, die aus dem Osmanischen Reich kamen, hineinzugreifen. Wenn sie danach die Pest bekamen – manche starben daran – musste die Lieferung verbrannt werden. Auch die Briefe aus der Türkei mussten geöffnet, durchstochen und geräuchert werden.

    In Semlin, dem heutigen Zemun in Serbien befanden sich die größten Magazine und Vorratshäuser für die türkischen und österreichischen Waren. „Die Türken brauchen von uns sehr vieles, als da sind: Tücher, Seidenzeuge, Leinwand, Glaswaaren, Körnerfrüchte, welche sie in die gebirgigen Gegenden von Bosnien, Montenegro und Türkisch-Dalmatien verführen", so Csaplovics. „Die Thürken zahlten meistens östreichisches Geld, türkisches Geld war wenig zu sehen."

    Wer aus der Monarchie nach Bosnien reiste und bei der Rückkehr nicht in Quarantäne wollte, musste einen „Mauthaufseher" mitnehmen, „welcher bezeugen soll, dass der Reisende nicht mit den „Muselmännern" in Berührung kam". „Von zärtlichen Umarmungen kann hier demnach keine Rede sein, und wer davon ein grosser Freund ist, der bleibe lieber auf dem linken Saveufer", schreibt Csaplovics.

    „Die Grenze war aber auch die Brücke", sagt Filipović. Während in Westeuropa wilde Fantasien über die „Türken" herrschten, kannten sich die Leute an der Grenze doch gut. Als Österreich im Jahr 1878 Bosnien okkupierte, sah man in Wien keinen Grund mehr, die Militärgrenze gegen das Osmanische Reich aufrechtzuerhalten. Sie wurde aber bereits 1872 demilitarisiert und 1881 definitiv aufgelöst, der kroatische Teil wurde an Kroatien angegliedert.

    Heute befürchtet der kroatische Philosoph Žarko Puhovski, dass der gesamte Balkan mit der neuen, alten Grenze vom Westen abgeschnitten werden könnte. Tatsächlich werden vor allem Produkte aus Bosnien-Herzegowina, weil sie nicht den EU-Standards entsprechen, nicht mehr nach Kroatien geliefert werden können. Für das arme Bosnien ist der Beitritt Kroatiens zur EU deshalb mit Einbußen verbunden. "In Brod sah ich im Mai 1812 Berge von Waren an beiden Ufern der Save unter freiem Himmel liegen und der Überfuhr harren", schrieb Csaplovics vor rund zweihundert Jahren.  (Adelheid Wölfl aus Zagreb/Langfassung des in DER STANDARD, 25.6.2013, erschienenen Artikels)

    • Die Festung der Militärgrenze in Sisak in einem alten Stich.
      foto: standard

      Die Festung der Militärgrenze in Sisak in einem alten Stich.

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