Die Maus, eine Kunstkennerin

24. Juni 2013, 18:55
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Forscher verabreicht Mäusen Morphin in kleinen Dosen - die Nagetiere können Bilder unterscheiden und Vorlieben entwickeln

Tokio - Seit 40.000 Jahren malen Menschen Bilder. Man könnte meinen, dass diese auch nur von höheren Wesen wertgeschätzt werden können. Doch auch Tiere sind offenbar imstande, Kunstwerke zumindest zu unterscheiden. Shigeru Watanabe, emeritierter Professor für Psychologie an Japans Keio-Universität, hat in einem Experiment Mäuse mit verschiedenen Gemälden konfrontiert und stellt im Fachjournal "PLoS One" fest, dass die Nager sogar bestimmte Vorlieben entwickelten.

Für den Versuch ließ Watanabe auf einem iPod Bildsequenzen berühmter Werke von Renoir, Picasso, Mondrian und Kandinsky abspielen. Sensoren maßen die Zeit, die sich die Mäuse vor dem Display aufhielten. Die Zeit diente als Indikator für die Präferenz der Tiere. Von jedem Künstler wurden nacheinander zehn Gemälde gezeigt. Die Mäuse mussten diese im Gehege betrachten.

In einem weiteren Schritt wurde den Tieren Morphin in kleinen Dosen verabreicht. "Morphin zeitigt einen Verstärkereffekt, das bedeutet, es ruft Gefallen bei den Tieren hervor", erklärt Watanabe. Das Opiat wirkt wie ein Stimmungsaufheller und steigert die Motivation. Das Ergebnis: Ohne Morphin zeigten sich die Tiere gleichgültig. Ob Picassos Frau vor dem Spiegel oder Mondrians Broadway Boogie-Woogie, das war den Tieren herzlich egal. Mit Morphin hingegen blieben zwei Mäuse länger vor Renoir und Kandinsky stehen - und schenkten den Gemälden Beachtung. Das Morphin veränderte damit signifikant die Rezeption der Mäuse.

Mehr noch: Die Tiere bevorzugten offensichtlich bestimmte Werke. Dies wiederum setzt voraus, dass sie Bilder unterscheiden können. Um den Einfluss des Opiats zu kontrollieren, führte Watanabe das gleiche Experiment noch einmal mit Milch als Belohnung durch. Auch dabei verbrachten die Mäuse deutlich mehr Zeit vor den Gemälden jenes Künstlers, den sie auch schon unter Morphineinfluss bevorzugten. Der Forscher schließt, dass die Mäuse Präferenzen entwickeln können.

Zuvor führte Watanabe bereits ähnliche Studien mit Tauben durch. Die Vögel waren in der Lage, Gemälde von Monet und Picasso zu unterscheiden. Diese Fähigkeit wurde auf das hochentwickelte visuelle System der Tiere zurückgeführt, das ähnlich wie beim Menschen ausgeprägt ist. Überraschend an der aktuellen Studie ist, dass Nagetiere als nichtvisuelle Tiere eingeordnet werden. Mäuse sind nachtaktiv und lassen sich primär von ihrem Geruchs- und Tastsinn leiten.

"Das bedeutet aber nicht, dass sie kein visuelles System besitzen", sagt Watanabe. "Mäuse haben Augen und Sehbahnen, um visuelle Informationen zu verarbeiten." Allerdings erhellt die Studie nicht, welche Sensoren oder kognitiven Mechanismen genau für die Unterscheidungskompetenz verantwortlich sind. Die Tatsache, dass die Mäuse Renoir Picasso vorzogen, lässt zumindest vermuten, dass sie eher dem Impressionismus als dem Kubismus zugeneigt sind. (Adrian Lobe/DER STANDARD, 25. 6. 2013)

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    Mäuse mögen Kunst. Oder zumindest können sie die optischen Signale, die von Bilder ausgehen, unterscheiden und Vorlieben für bestimmte Bilder entwickeln.

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