Baby im Buggy: Was ist die richtige Blickrichtung?

24. Juli 2013, 18:47
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Die meisten Kinder im Kinderwagen schauen von der schiebenden Person weg. Ein folgenschwerer Fehler, sagen Experten - es leide nicht nur die Kommunikation

Die Nase im Wind, die Welt im Blick und volle Kraft voraus: Was für Erwachsene als Fortbewegungsvision attraktiv erscheinen mag, bedeutet für Kleinkinder vor allem Stress. Dann nämlich, wenn sie im Kinderwagen nach vorne und damit von der schiebenden Person weg schauen müssen. 

2008 zeigte eine Studie der Universität Dundee, dass 62 Prozent der Kinder "falsch herum" im Wagen sitzen - sie schauen nach vorne anstatt zur schiebenden Person hin. Augenkontakt und Kommunikation seien so kaum möglich. Beides sei für kleine Kinder aber essenziell.

Die Forscher konnten damals zeigen, dass Kinder durch den Blick nach vorne so sehr in Stress geraten, dass ihre Gesundheit nachhaltig Schaden nehmen kann. Dies gilt umso mehr, wenn man sie durch verkehrsreiche, laute und belebte Straßen schiebt. Nun greifen britische und deutsche Kampagnen das Thema wieder auf und platzieren es im Zusammenhang mit frühkindlicher Förderung.

Passive Perspektive

Auch wenn sich die Studienlage zu den gesundheitlichen Folgen der "falschen" Blickrichtung für das Kind seit 2008 nicht mehr wesentlich verändert hat - die Aussicht nach vorne fördert definitiv eher Unbehagen als spannende Perspektiven. Dass sie mitunter sogar angsteinflößend sein kann, zeigt ein knapp zehnminütiger Film, den die britischen "Stiftung für das Lesen" produziert hat.

Der Film will dafür sensibilisieren, wie stressig der Blick nach vorne für kleine Kinder sein kann - und er soll wohl auch für Buggys werben, bei denen sich die Blickrichtung flexibel einstellen lässt. Gefilmt wurde aus der passiven Perspektive des Kindes, das über Parkplätze, durch Straßen und Einkaufszentren geschoben wird. Rasch stellt sich beim Betrachter ein unangenehmes Gefühl des Ausgeliefertseins ein.

Wer schiebt da hinten eigentlich?

Da entern Autos plötzlich knatternd das Blickfeld, da fährt man scheinbar ungeschützt auf Hindernisse zu, um im letzten Moment noch die Kurve zu kriegen, da bauen sich wildfremde Menschen und Hunde ganz plötzlich riesenhaft vor einem auf. Mama und Papa? Man vermutet sie irgendwo da hinten am anderen Ende des großen Wagens, zu sehen sind sie aber nicht. Vielleicht schiebt da auch schon längst jemand anderer.

Der Film ist Teil einer Kampagne mit dem Titel "Talk to your baby", die die britische Stiftung durchführt. Die Kampagne will die Sprachkompetenz von Kindern bis zum dritten Lebensjahr fördern. Das gelinge am besten, wenn man in dieser Zeit viel mit den Kindern spreche. Ein Kinderwagen, der dies ermöglicht, sei ein wichtiger Baustein für die Kommunikation zwischen Eltern oder Erziehungsberechtigten und dem Kind.

Spaß statt Stress

Die Studie aus 2008 hatte nachgewiesen, wie sehr das Nach-vorne-Schauen den Kindern zusetzen kann: Babys, die ständig von der schiebenden Person weg schauen, fühlen sich emotional isoliert. Auf Dauer könnten sogar Sprach- und Hirnentwicklung leiden.

"Unsere Studie hat gezeigt, dass Eltern, die ihre Kinder im Buggy zu sich hin schauen lassen, doppelt so viel mit den Kindern kommunizieren", so die Entwicklungspsychologin und Studienleiterin Suzanne Zeedyk von der Universität Dundee.

Laut der Studie würden Eltern, die ihr Kind im Buggy anschauen können, nicht nur mehr mit ihren Kindern reden - sie hätten auch mehr Spaß: Sowohl die Eltern und als auch die Kinder lachten nachweislich mehr, wenn sie sich unterwegs ansehen konnten. (Lisa Mayr, derStandard.at, 24.7.2013)

  • Volle Kraft voraus?
    foto: newald

    Volle Kraft voraus?

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