Glücklich in der Disco

Kolumne25. Juni 2013, 17:16
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Warum sich die Kinder vor künstlichen Wesen fürchten, aber Discoroboter lieben

Vor einigen Monaten fühlten sich die Kinder beim Besuch des Technischen Museums in Wien von dort ausgestellten Robotern aus der Zeit vor solchen Segnungen wie Chip oder Festplatte bedroht. Wenn jemand deshalb nachts nach diesbezüglichen Albträumen ans Bett der Eltern kommt, merkt man, dass hier ein Problem besteht.

Es handelte sich um teilweise zwei Meter fünfzig hohe handverschraubte Ungetüme aus Gusseisen. Man hatte sie aufgrund einer menschlichen Neigung zu Charakterköpfen sinnloserweise mit funktionslosen Nachstellungen menschlicher Gesichtszüge ausgestattet. Wenn man diese als wahnhafte Fratzen beschreibt, kann man sich gut vorstellen, dass Feuer am Dach war.

Heute ist das alles längst vergessen. Wir wohnen jetzt im Land der tanzenden Discoroboter. Die Familie hat an einem guten Tag im Auto innerhalb einer Stunde schon achtmal hintereinander das Lied "Get Lucky" geschafft. Der Weltrekord wurde allerdings mit zwei von insgesamt viereinhalb Stunden Remixes des Songs am Stück erzielt. "Get Lucky" findet man auf Soundcloud, also im Computer als Download in 64 verschiedenen ­Versionen. Zwischen Krankenhaus­serienballade, Bossa Nova, Techno, House und Death Metal ist hier tatsächlich alles möglich. Ach ja, ich vertrage Bossa Nova ganz schlecht. Das hat sie mit House, Salsa und Kirchenlied gemeinsam.

Im Kinderzimmer ist übrigens ein Roboterhelmbausatz aus Pappendeckel, mit dem das französische Discoduo sein neues Album bewirbt, der neue Lampenschirm.

Die Kinder lernten schon im Kindergarten und in der Volksschule Englisch. Manchmal fragt man sich zwar, ob sich die Fortschritte, die sie dabei zwangsweise gemacht haben müssen, jetzt im Gymnasium in den Nintendogeräten verstecken, weil sie wollen, dass sie nicht erkannt werden. Die Songzeile "We stay up all night to get lucky" wurde aber zweifelsfrei von ihnen wie folgt übersetzt: "Wir bleiben die ganze Nacht wach, damit wir glücklich werden."

Erziehung hat auch damit zu tun, dass man seinen Kindern manchmal Illusionen rauben muss, damit sie dar­aus etwas lernen. Der elterliche Hinweis, dass "to get lucky" im amerikanischen Slang etwas Sexuelles ­bedeutet, nämlich das große Glück, "flachgelegt" zu werden, wurde deshalb anfangs entsetzt abgelehnt. Wenn sich die Kinder aber jetzt die Hüftbewegungen der zwei Daft-Punk-Roboter auf Youtube anschauen, müssen sie sich manchmal ein­gestehen, dass selbst für die Kinder­disco geeignete Musik schon auch dar­um kreist, mit anderen Wesen Intimkontakte anzubahnen. Roboter sind und bleiben ­verstörende Wesen. (Christian Schachinger, Family, DER STANDARD, 25.6.2013)

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