Reise in das rechte Land des Lächelns

24. Juni 2013, 17:37
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Ein informelles Treffen von Burg-Direktor Matthias Hartmann mit dem Kulturminister Ungarns in Budapest wurde von der Regierung Orbán ausgeschlachtet: die Erzählung einer merkwürdigen Reise

Wien - Matthias Hartmanns jüngst absolvierte Fahrt nach Budapest lässt sich ganz klassisch als Bildungsreise beschreiben. Zugrunde lag ihr das Unbehagen an der reaktionären Kulturpolitik der ungarischen Fidesz- Regierung unter Viktor Orbán. "Die Besorgnis über diese Entwicklung kam von überall", sagt Hartmann: "Man kannte die Befürchtungen von Menschen, deren perspektivische Weitsicht einem imponiert."

Seit geraumer Zeit fügen sich die Steine im Nachbarland zum kulturpolitischen Puzzle. Leitungsposten werden nur noch an strikte Parteigänger der Fidesz-Regierung vergeben. In den Jurys sitzen Orbáns Parteigänger und schanzen einander Pfründe zu. Unter ihrem Präsidenten György Fekete ist die Ungarische Kunstakademie ein strikt nationalkonservatives Institut geworden. Demnächst wird das Budapester Nationaltheater umgefärbt: Mit Attila Vidnyánsky folgt ein Orbán- Vertrauter dem weltbürgerlichen Intendanten Róbert Alföldi nach. Es hagelt Auszeichnungen für bekennende Rassisten und Nationalisten. Freie Theatergruppen wie diejenigen von Kornél Mundruczó und Viktor Bodó erhalten keine Fördergelder mehr.

Burg-Direktor Hartmann drückte bereits im Februar seine nachbarliche Besorgnis aus. Indirekt zunächst. "Ich habe mich umgehört unter den Künstlern." Für einen gemeinsamen Brief von Elfriede Jelinek, Michael Haneke, Peter Turrini, Ewald Palmetshofer, Erwin Wurm und Kathrin Röggla stellte Hartmann sich "als Postbote" zur Verfügung: "Ich fungierte als Medium, weil das Wiener Burgtheater einen hohen politischen Stellenwert besitzt."

Was Mitte Juni folgte, gleicht einer Reise nach Absurdistan. In Ungarn regelt ein "Minister für Humanressourcen" die heiklen Kulturangelegenheiten. Nach einigem Hin und Her lud besagter Minister, Zoltán Balog, ein calvinistischer Pastor, den Burg-Chef nach Budapest ein. Tenor: Man könne doch über alles reden!

Recherchebemühungen

Und wirklich fuhr Hartmann mit seinem Dramaturgen Andreas Erdmann in die Donau-Metropole. Hartmann zog Erkundigungen bei dem Bürgerrechtler Rudolf Ungváry und bei Theaterkritiker Tamás Jászay ein: "Man hätte mir sonst ja alles erzählen können." Unter der Begleitung der Experten landeten die Herren aus Wien in einem holzgetäfelten Büro mit grünem Teppichboden ("ein Besuch in Transsylvanien"). Der Minister strahlte über das ganze Gesicht: "Ein sympathischer Mensch mit ausdrucksvollen Augen, dessen Beteuerungen man gerne Glauben schenken würde" (Hartmann).

Minister Balog zierte just zum Zeitpunkt des Treffens das Cover der rechten Wochenzeitung Heti Válasz. Er hält auf dem Bild strahlend das Deutsche Verdienstkreuz in die Kamera. Darunter steht: "Sieg über die Liberalen". Gleich daneben sind die rechtskonservativen Publizisten einem Geheimnis auf der Spur: Homosexualität sei "heilbar"!

Das Treffen mit dem Herrn Minister scheint unterschiedliche Spuren hinterlassen zu haben. Wann immer Hartmann konkrete Auskünfte zu erhalten wünschte, folgten lange Suaden. Vor kurzem hat der Leiter der Kunstakademie György Konrád verunglimpft. Konrád ist ein Jugendheld Hartmanns. Konrád werde im Ausland, so Fekete, noch immer als Ungar bezeichnet, dabei sei er doch Jude. Der Minister sagte, dass er das auch nicht gut finde. Rechtsradikale seien ihm grundsätzlich ein Gräuel. An alle Auszeichnungen, die im Namen der Regierung an Krawallschläger ergangen sind, könne er sich im Einzelnen auch nicht erinnern.

Der Ausgang der bilateralen Kulturbemühungen: Fidesznahe Journalisten feierten das informelle Gipfeltreffen als vollen Erfolg. Hartmann hatte Einladungen ausgesprochen: Er wolle vier Aufführungen der freien Szene an die Burg einladen, im Rahmen eines Kongresses über Kunst und Demokratie. Gerechtigkeitshalber könne auch der neue Nationaltheaterintendant eine Produktion in Wien zeigen.

Die Zeitung Magyar Nemzet schrieb daraufhin, Hartmann la-de den Staatstheaterintendanten freundlich in die Burg ein. Alles andere war der Regierungspresse keine Erwähnung wert. "Es wirkte, als würde ich mich für das entstandene Ungemach auch noch entschuldigen wollen." Die Einladung steht im Grundsatz noch. Die Fidesz-Vertreter haben das Wiener Burgtheater für ihre Zwecke zu missbrauchen versucht.

Vor kurzem sei er, Hartmann, mit seiner Familie auf dem Landweg von Griechenland nach Wien gereist. "Die ungarische Grenze war die am stärksten abgesicherte, die ich jemals erlebt habe. Die DDR war dagegen Schmusekurs. Ich finde es eine, gelinde gesagt, unsympathische Handhabung, Kindern mit der Taschenlampe in die Augen zu leuchten." Willkommen im neuen nationalen Ungarn. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 25.6.2013)

  • Jovialer Pastor: Ungarns Kulturminister Zoltán Balog.
    foto: epa

    Jovialer Pastor: Ungarns Kulturminister Zoltán Balog.

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    M. Hartmann auf Fact-finding-Mission in Budapest. 

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