Bachmann-Preis: Kulturschaffende sehen ORF vor "endgültigem Bankrott"

24. Juni 2013, 13:07
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Vielfältiger Prostest aus dem deutschen Sprachraum - "Erster Schritt zu griechischen Zuständen"

Österreichische Literaten, Journalisten und Kulturschaffende wollen ein mögliches Ende der Tage der deutschsprachigen Literatur, kurz Bachmann-Preis, nicht hinnehmen. Die vom ORF aus Kostengründen überlegte Abschaffung der Veranstaltung sei eine "unverschämte Provokation und Brüskierung", hieß es am Montag in einer Aussendung von Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren) und Fred Turnheim (Österreichischer Journalisten Club). "Wir lassen uns die Eliminierung der letzten Reste der Kunst aus den ORF-TV-Programmen nicht gefallen." Wenn der Sender meine, mit der Übertragung des Opernballs seinen öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag zu erfüllen, habe er seinen "endgültigen Bankrott" erklärt.

Die Kosten von 350.000 Euro für den Bachmann-Wettbewerb halten die Kulturschaffenden angesichts von rund 100 Millionen Euro, die der ORF allein für Sportrechte im kommenden Jahr zusätzlich ausgebe, für "lächerlich". Vielmehr gehe es offenbar um quotenträchtigere Programme für andere Zielgruppen und um den Rückzug aus dem Gemeinschaftsprogramm 3sat. Dass sich die ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner für "nicht zuständig" erkläre und die Verantwortung dem Kärntner Landesstudio aufbürde, sei "Sparkursmarketing und entspricht nicht der Realität".

Umschichtung in den Kulturbereich

"Wir fordern den ORF auf, seine Sport- und Unterhaltungsgelder umgehend auf den Kunst- und Kulturbereich umzuschichten", heißt es in dem Protestschreiben, für das Unterstützer gesucht werden. "Der ORF muss nichts zur noch größeren Bereicherung von internationalen Großveranstaltern im Sport beitragen, er muss keine Ballunterhaltungen lückenlos begleiten, er muss die Grundversorgung mit kulturell hochwertigen Programmen garantieren." Dazu gehöre auch das "musikprotokoll" des "steirischen herbst", aus dem sich der Sender möglicherweise ebenfalls zurückziehen will.

Kulturstimmen

Entsetzt zeigt sich die Bachmann-Preisträgerin des vergangenen Jahres, Olga Martynova, über die laufende Diskussionen um eine mögliche Abschaffung des Bachmann-Preises: "Als ich von den Einsparungs-Überlegungen gehört habe, war meine erste Reaktion Empörung", so die 51-jährige, in Sibirien geborene und heute in Deutschland lebende Autorin im Gespräch mit der APA. "Eine Einstellung wäre eine Katastrophe, eine Schande, ein ganz falsches Zeichen."

Die im Zusammenhang mit den Tagen der deutschsprachigen Literatur produzierten Sendestunden wären ungleich billiger als alle TV-Shows und obendrein genau der Grund, warum es öffentlich-rechtliche Sender gäbe: "Eine Abschaffung wäre eine Nicht-Pflichterfüllung ihres Auftrages. Anstatt zu sparen wären daher eher Investitionen sinnvoll, um der Veranstaltung einen neuen Interessens-Schub zu verleihen." Sie sei der Überzeugung, "dass öffentlich-rechtliche Institutionen nicht über Quoten nachdenken dürfen". Eine mögliche Einstellung des traditionsreichen Wettlesens sei "nicht nur ein Akt der Zerstörung in der Kulturlandschaft, sondern auch der Selbstzerstörung des öffentlich-rechtlichen Auftrages". Sie selbst habe nach dem Gewinn des Bachmann-Preises auf umfangreichen Lesereisen erfahren, "wie wichtig dieser Preis für viele Menschen ist", sagte Martynova: "Mir hat er sehr viel gebracht."

Griechische Zustände

"Das ist ein erster Schritt zu griechischen Zuständen", kommentiert Literaturkritikerin und Jurorin Daniela Strigl gegenüber der APA das mögliche Aus des Bachmann-Preises. "Man dreht es ab, dann ist es finster." Sie frage sich aber grundsätzlich, "ob das überhaupt ernst gemeint ist. Falls ja, dann ist es eine Ohrfeige." Strigl hegt den Verdacht, dass viele in Österreich - eingeschlossen die Medien - "nicht wahrhaben wollen, was der Preis vor allem im Ausland bedeutet". Dort würde die aktuelle Diskussion "als Posse wahrgenommen. Man kann es gar nicht glauben, dass der ORF von dem, wo man annimmt, dass er stolz darauf ist und was als öffentlich-rechtliches Kerngeschäft bezeichnet wird, Abstand nimmt und sich selbst beschädigt, in dem er den Bachmann-Preis in Frage stellt."

Vielleicht sei es aber "nur ein Versuch, die Politik in Geiselhaft zu nehmen. Wrabetz will zeigen, was alles gefährdet ist", so Strigl. "Wenn das Kalkül ist, ist was schiefgefangen. Man muss auch schauen, wie weit man mit solchen Versuchen geht. Man fragt sich, welches Selbstverständnis der ORF noch hat als Kultursender." Die langjährige Jurorin fände es "komisch, wenn Wrabetz allen Ernstes als der Generaldirektor in die Annalen eingeht, der nach 37 Jahren den Bachmann-Preis umbringt. Noch dazu in einem Jahr, wo man 25 Jahre TV-Übertragung feiert."

Grobe Fahrlässigkeit

Vom Feiern werde nicht viel übrig bleiben, wenn man so knapp vorher eine mögliche Einstellung diskutiere. "Das ist grob fahrlässig", so Strigl, die moniert, dass "alle Beteiligten aus der Zeitung davon erfahren haben". Auch die heuer teilnehmenden Autoren würden unter der Situation leiden, da während der Tage der deutschsprachigen Literatur sicher nicht mehr die Texte im Vordergrund stünden, sondern die Zukunft des Wettbewerbs an sich. "Für die Autoren ist das eine Gemeinheit. Man kann sich wohl schwer konzentrieren, wenn einem gleichzeitig der Sessel weggezogen wird."

Gleichzeitig streut Strigl dem Landesstudio Kärnten Rosen: "Ich muss sagen, dass das Landesstudio Kärnten mit Michaela Monschein den Bachmannpreis nicht wie Provinzfernsehen abgewickelt hat, sondern in einer internationalen Liga gespielt hat!" Das Landestudio sei räumlich "doch sehr überschaubar", dennoch seien sich die Verantwortlichen "sehr bewusst über die Tragweite der Veranstaltung und verhalten sich auch so. Das ist eine Visitenkarte im Ausland."

Kolleritsch bedauert Entschluß

"Alles, was abgesetzt wird, was der Literatur gedient hat, ist einfach zu bedauern", meint Alfred Kolleritsch, Herausgeber der "manuskripte" und seit Jahrzehnten einer der wesentlichen Fördererer junger Literaturtalente in diesem Land. Er halte zwar wenig von der Art, wie beim Bachmann-Preis "zu Gericht gesessen wird über Literatur und über Einzelne", doch sei der Bewerb "eine Form der literarischen Aktivität, in der Begegnung stattfindet", wie er im Gespräch mit der APA sagte. "Wenn Autoren durch diese Maschine durchgegangen sind, können sie für sich etwas gutschreiben. Das geschieht sonst in keiner einzigen Institution in Österreich." Er fände es schade, wenn "wieder ein Teil des ohnehin nur in kleinen Aktionen geförderten Bereichs wie der Literatur wegfällt. Vor allem, weil der Bachmann-Preis einen guten Namen gehabt hat." (red, APA, 24.6.2013)

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