Wetter auf der Venus: Die Zeichen stehen auf Sturm

24. Juni 2013, 12:06
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Extreme Windstärkezunahmen von 300 auf 400 Kilometer pro Stunde geben den Forschern Rätsel auf

Auf der in dicken Wolken verhüllten Venus hat nur einer das Sagen: der Wind. Er jagt die Wolken in vier Tagen einmal um die Venus herum, während der Planet selbst 243 Erdtage für eine Drehung benötigt. Astronomen nennen diese Besonderheit seit ihrer Entdeckung Ende der 60er Jahre eine "Superrotation", wenn sich die Atmosphäre nämlich schneller dreht als der Planet selbst. Die Ursache dieser rasanten Winde ist unklar.

Neueste Untersuchungen vergrößern dieses Rätsel mehr, als dass sie es zu lösen vermögen. Messungen der Venusstürme durch die Raumsonde "Venus Express" der ESA zeigen nämlich, dass diese noch ungestümer blasen als gedacht. Sechs Jahre lang wurden die tobenden Winde in der Venusatmosphäre gemessen. Das Ergebnis: Zwischen 2006 und 2012, also über einen Zeitraum von zehn Venusjahren, stieg die Windgeschwindigkeit in den oberen Atmosphärenschichten der Venus von 300 Kilometer pro Stunde auf 400 Kilometer pro Stunde. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Icarus". "Das ist ein enormer Anstieg der bereits hohen Windgeschwindigkeiten, die wir in der Atmosphäre bereits kennen", sagt Igor Khatuntsev vom Institut für Weltraumforschung in Moskau. Eine derart große Veränderung verblüfft die Forscher.

Wolkenbewegungen detailliert aufgezeichnet

Über 45.000 Wolkenstrukturen in etwa 70 Kilometern Höhe hat die Arbeitsgruppe rund um Khatuntsev händisch ausgewertet, weitere 350.000 konnten mit Hilfe eines Computerprogramms automatisch analysiert werden. Laut ESA handelt es sich bei den Daten um die detailliertesten Aufzeichnungen der Wolkenbewegungen. Sie zeigen nicht nur, dass Venusstürme immer stärker ihr Unwesen treiben, sondern auch, dass es lokal sehr starke Unterschiede in den Windgeschwindigkeiten gibt. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine zweite Forschungsgruppe mit japanischen Wissenschaftlern. Auch sie haben die Wolkenbewegungen automatisch analysiert, jedoch mit einem anderen Programm. Die ähnlichen Ergebnisse wurden im "Journal of Geophysical Research" publiziert.

Während die mittlere Windgeschwindigkeit in der Hochatmosphäre der Venus zugenommen hat, schwankt diese in Äquatorialnähe: die Daten von Khatuntsev und seiner Arbeitsgruppe zeigen, dass manche Wolken für eine Venusumrundung 3,9 Tage benötigten, in anderen Fällen dauerte sie allerdings 5,3 Tage. Außerdem änderten sich die Windgeschwindigkeiten um bis zu 70 Kilometer pro Stunde von einem Tag auf den nächsten. Die Wissenschafter können sich diese Schwankungen momentan nicht erklären.

Superrotation weiterhin ungeklärt

Für Håkan Svedhem, Projektmanager der ESA, ist die atmosphärische Superrotation eines der größten ungeklärten Geheimnisse des Sonnensystems, das durch diese Ergebnisse noch mysteriöser wird: "Venus Express überrascht uns nämlich immer wieder mit seinen Beobachtungen dieses dynamischen, sich verändernden Planeten", sagt er. (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 24.6.2013)

  • Mit der ESA-Sonde "Venus Express" wurden zehntausende Wolkenstrukturen der Venusoberfläche aufgezeichnet
    foto: esa

    Mit der ESA-Sonde "Venus Express" wurden zehntausende Wolkenstrukturen der Venusoberfläche aufgezeichnet

  • Die Datensätze wurde zum Teil händisch, überwiegend jedoch automatisiert ausgewertet
    foto: esa

    Die Datensätze wurde zum Teil händisch, überwiegend jedoch automatisiert ausgewertet

  • Zwischen 2006 und 2012 stieg die Windgeschwindigkeit beinahe kontinuierlich um ein Drittel auf 400 km/h an
    foto: esa

    Zwischen 2006 und 2012 stieg die Windgeschwindigkeit beinahe kontinuierlich um ein Drittel auf 400 km/h an

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