"Mit Komplementärmedizin lässt sich viel Geld verdienen"

    Diskussion24. Juni 2013, 08:51
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    Die Fronten zwischen Schulmedizin und alternativen Heilmethoden sind verhärtet - Kritiker Theodor Much und Befürworter Günther Malek diskutieren über Patienten, Prozesse und Placebo

    Verfahren, deren Wirkung nicht nachvollziehbar oder belegbar sind, hält Günther Malek, Allgemeinmediziner mit komplementärmedizinischer Ausbildung in Osteopathie und Akupunktur, für unseriös. Die Wirkung der Homöopathie hängt von der Show des Arztes ab, sagt der ehemalige Dermatologe und Buchautor Theodor Much.

    Standard: Ihr Buch "Der große Bluff" ist eine Abrechnung mit jeglicher Alternativmedizin. Warum?

    Much: Vor 20 Jahren hatte ich mit Turnusärzten zu tun, die überzeugte Homöopathen waren. Ich befasste mich mit der Materie, suchte Zusammenarbeit, auch in eigener Sache. Die Ergebnisse waren immer enttäuschend. Alles Aberglaube. Vor diesem Tsunami von Heilkünsten will ich warnen.

    Standard: Es gibt viele Richtungen, Sie differenzieren recht wenig.

    Much: Der Hintergrund der irrationalen, esoterischen Medizin ist immer der Gleiche, die Zusammenhänge mit der Astrologie sind nur den wenigsten bewusst.

    Standard: Fühlen Sie sich als Betreiber einer Praxis für integrative Medizin als Esoteriker?

    Malek: Nein. Aus welcher soziokulturellen Ecke eine Richtung der Medizin stammt, ist mir nicht wichtig. Für mich sind Nachvollziehbarkeit und Wirkung zentral. Ergebnisse müssen plausibel sein. Die Osteopathie, eines meiner Fachgebiete, ist ein Verfahren, das in den 80er-Jahren aus den USA kam. Alles ist plausibel, unklar nur, warum sie in Österreich nicht anerkannt ist.

    Standard: Was ist für Sie unseriös?

    Malek: Verfahren, deren Wirkung nicht nachvollziehbar oder belegbar sind. Ich weiß, dass Craniosacrale Therapie umstritten ist, dass sie wirkt, sehe ich in der täglichen Praxis. Auch Homöopathie, für die ein Kollege verantwortlich ist, ist nachvollziehbar. Herausragend ist der Zugang der Homöopathie zum Menschen. Ein Homöopath will Beschwerden verstehen und erklärt Zusammenhänge symbolisch.

    Standard:  Ist das in der Schulmedizin anders?

    Malek: Ja. In der Homöopathie steht die Genesung im Zentrum, das Denken daran. Ich denke, dass so Veränderungsprozesse starten.

    Standard: Alles psychisch, meinen Sie?

    Malek: Nein. Es geht darum, Probleme des vegetativen Nervensystems für Patienten fassbar zu machen. Also Herz-Kreislauf, Immunsystem. Schon die Bewusstwerdung einer Verbindung ist ein Fortschritt. Jeder verfügt über ein Selbstheilungspotenzial.

    Much: Homöopathie ist das Flaggschiff der esoterischen Scheinmedizin. Alle ernsthaften Studien zeigen, dass jede Wirkung auf einem Placeboeffekt beruht und alles nur von der Show des Arztes abhängt. Wenn das, was die Homöopathie behauptet, stimmte, müsste man die gesamte Naturwissenschaft umschreiben.

    Malek: Warum nehmen dann über 50 Prozent der Menschen Homöopathie in Anspruch?

    Much: Aberglaube ist, wie Umfragen zeigen, weit verbreitet. Auch Wunschdenken ist ein Bestandteil der menschlichen Psyche, und wenn Symptome mit Kügelchen nicht verschwinden, nennen Homöopathen das "notwendige Erstverschlimmerung".

    Malek: Das stimmt nicht. Die meisten Homöopathen sind auch Ärzte, tragen Verantwortung und würden Symptome deshalb niemals ignorieren.

    Much: Das ist ein schwaches Argument. Auch Ärzte unterliegen dem Wunschdenken, vertreten eigene Interessen. Es gibt viele Beispiele, dass Alternativmediziner unsinnige Diagnosen stellen und wirkungslose Therapien verordnen.

    Malek: Untersuchungen zeigen das Gegenteil.

    Much: Die meisten Krankheiten verschwinden von selbst wieder, zeigt die Erfahrung. Unser Körper unterliegt vielen natürlichen Zyklen. Wenn ein Patient dann etwas einnimmt, und das mag noch so unsinnig sein, vermittelt es den Eindruck von Wirkung. Dramatischer sind die Folgen von Fehldiagnosen, die etwa in der Kinesiologie passieren. Da finden Behandlungen gegen Allergien statt, an denen Menschen nicht leiden.

    Standard: Hat ein Patient Einfluss auf seine Gesundheit?

    Malek: Natürlich. Ich bin ein Anhänger der Salutogenese, eines Ansatzes, der auf der persönlichen Einstellung zu Gesundheit und Selbstbestimmung aufbaut. Der Mensch braucht innere Voraussetzungen, um gesund zu werden. Eine Heilung muss auch für den Menschen selbst als nachvollziehbar erlebt werden. In der modernen Hightechmedizin ist diese Denkart verlorengegangen.

    Standard: Inwiefern?

    Malek: Wir wissen, dass ein Röntgenbild nichts über die Prognose von Rückenschmerzen aussagt. Wie ein Patient jedoch zu seinen Beschwerden steht, beeinflusst die Dauer der Schmerzen wesentlich. Viele glauben, Krankheit sei ein Schicksal, sehen Gesundheit als nicht veränderbare Größe. Dabei zeigen Untersuchungen, dass das eine wesentliche Größe ist.

    Much: Ich sage ja, Placeboeffekt, ein komplexes Phänomen.

    Malek: Wenn es der Gesundwerdung dient? Sicher ist, dass es keine Einbildung ist. Ich bin für den Einsatz von Evidenz-basierten Medikamenten. Nur: Man weiß aus Studien, dass, wenn Patienten pro Tag drei verschiedene Pillen einnehmen, 90 Prozent diese nicht wie vorgeschrieben schlucken. Die Praxis ist anders, als die Evidenz basierte Medizin sich das vorstellt. Fürs Gesundwerden brauche ich Werkzeuge - wenn es der Placeboeffekt ist, gut.

    Standard: Wie steht es mit Daten zur Akupunktur?

    Malek: Es gibt über 5000 Studien und Reviews dazu, die die Wirkung beweisen. Es gibt viele Forschungsgruppen, eine an der Med-Uni Graz. Was mich ärgert, ist, dass Sie in Ihrem Buch einfach falsche Dinge behaupten. Sie zitieren fünf Studien, zwei davon sind Artikel aus Tageszeitungen, eine ist falsch wiedergegeben. Sie führen Leser in die Irre. Das empört mich.

    Much: Alle Studien zeigen, dass es sehr wenige Indikationen für Akupunktur gibt und es egal ist, wo die Nadeln gesetzt werden.

    Malek: Das stimmt nicht. Es gibt Indikationen, wo Akupunktur nachweislich besser als eine medikamentöse Behandlung ist, etwa bei Kopf- und Rückenschmerzen.

    Much: Studien zu Akupunktur sind generell schwierig, weil man den Standard einer Doppelblindstudie nicht simulieren kann. Der Wissenschafter Edzard Ernst kommt auch zum Schluss, dass es egal ist, an welchen Stellen man die Nadel setzt. Diese ganze Meridiangeschichte ist eine rein esoterische Erfindung. Und klar, wenn in den Körper reingestochen wird, werden Endorphine freigesetzt.

    Malek: Sie sind polemisch, verdrehen Tatsachen. Warum sollte man sich nicht für eine Methode einsetzen, die ohne Medikamente auskommt? Es sterben 2000 Patienten in Deutschland jährlich an Magenblutungen, die sie wegen Schmerzmitteln bekommen.

    Much: Jedes wirksame Medikament hat Nebenwirkungen.

    Standard: Wie stehen Sie zum Vorwurf, dass die etablierte Medizin oft nur Symptome behandelt, nicht aber die Ursache bekämpft?

    Much: Akupunktur ist keine Wundertherapie. Dem Patienten wird nur alles Mögliche versprochen.

    Malek: Das tun aber doch sämtliche Mediziner. Die wirklich unseriöse Alternativmedizin ist der Schatten der Schulmedizin. Je weiter diese vom Menschen entfernt ist, umso öfter werden fragwürdige Heiler aufgesucht.

    Much: Aber was soll unseriöse Alternativmedizin sein? Sie bieten in Ihrer Ordination alles Mögliche, von Homöopathie über die F.-X.-Mayr-Kur bis zu Fußreflexzonenmassage. Das hat mit Medizin nichts zu tun.

    Malek: Das sind Teilbereiche. Wir machen sehr viel Schmerzmedizin und nutzen komplementärmedizinische Möglichkeiten. Es geht darum, Patienten das Gefühl zu vermitteln, gut aufgehoben zu sein, verstanden zu werden, und dann wirksame Verfahren einzusetzen. Die Menschen schätzen diesen Zugang. Die klassische Medizin versteht funktionelle Zusammenhänge nicht und kann auch nicht auf sie einwirken. Das vegetative Nervensystem steht zu wenig im Fokus der Ärzte. Die Schulmedizin ist gut in allem, was man abbilden oder im Labor feststellen kann- aber funktionelle Beschwerden, also solche, die aus der Regulation entstehen, steht man verständnislos gegenüber.

    Standard:  Welche Beschwerden?

    Malek: Muskelverspannung, Bluthochdruck, Kopfweh und Darmbeschwerden, die aus innerer Anspannung entstehen. Es gibt Möglichkeiten, einzuwirken. In den USA hat man das verstanden. Da gibt es in Harvard ein Zentrum für integrative Medizin, auch an der Mayo Clinic in Rochester forscht man in diese Richtung.

    Much: Weil sie ein Geschäft ist.

    Malek: Für Harvard ist Akupunktur doch kein finanzieller Gewinn.

    Standard:  Können Sie der Ganzheitsmedizin etwas abgewinnen?

    Much: Umfassende Untersuchungen mit Röntgen und Blutbild.

    Standard: Was, wenn die Schulmedizin keine Lösung hat?

    Much: Wenn ich einen unheilbaren Krebs hätte, dann würde ich es vielleicht mit anderen Methoden versuchen. Auch mit integrativer Medizin oder der Mayr-Kur, um Schlacken abzubauen. Die gibt es nicht, und die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin warnt davor, weil dadurch Gallensteine entstehen können.

    Malek: Sie sind nicht auf dem neuesten Stand. Moderne Mayr-Kuren arbeiten mit ausreichender Kalorienzufuhr. Die Botschaft ist: Iss langsam und weniger. Fasten ist eine Unterbrechung, setzt Prozesse frei. Wir setzen sie auch nicht zur Gewichtsabnahme ein, sondern um Verhaltensmuster zu brechen.

    Standard: Vernachlässigt die naturwissenschaftlich dominierte Medizin die Psyche?

    Much: Nein, überhaupt nicht. Es gibt gute und schlechte Ärzte und auch Ärzte, die zu wenig Zeit haben. Und Psychotherapie ist ein Teil der Medizin.

    Malek: In der etablierten Medizin werden psychoemotionale Faktoren nicht ernst genug genommen. Auch die Körperlichkeit wird vernachlässigt. Das Angreifen. Da können wir von traditionellen Heilverfahren viel lernen. Zudem gibt es Länder, die alternative Behandlungen bezahlen. Dort wurden die Kosten verglichen und eindeutig festgestellt, dass Ärzte mit komplementärem Ansatz kostengünstiger arbeiten.

    Much: Es gibt Defizite in unserem Gesundheitssystem, keine Frage.

    Standard: Ist das der Grund für den gegenseitigen Hass?

    Much: Die Ärzte im Gesundheitssystem sind überlastet, haben zu wenig Zeit und werden zu schlecht entlohnt. Mit Komplementärmedizin lässt sich viel Geld verdienen.

    Malek: Zu wenig Zeit und Zuwendung, aber auch ein Verständnis von Körpervorstellung, das nicht mehr zeitgemäß ist. In der Schulmedizin ist das Descartes'sche Modell - der Mensch als Maschine - verbreitet. Für viele ist das kein Denkmodell mehr. Wir wissen, dass andere, weniger greifbare Faktoren und Regulationen auch eine große Rolle spielen. Ich denke, dass ein großes Umdenken bevorsteht. (Karin Pollack, DER STANDARD, 24.6.2013)

     

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    Heilung muss für den Menschen als nachvollziehbarer Prozess erlebt werden. Das fehlt der Hightechmedizin.

    Günther Malek

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    Es gibt viele Beispiele, dass Alternativmediziner unsinnige Diagnosen stellen und wirkungslose Therapien verordnen.

    Theodor Much

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    Theodor Much ist Dermatologe in Ruhestand. Er hat 27 Jahre lang die Hautambulanz am Wiener Hanuschspital geleitet, ist heute Buchautor. Jüngst erschien "Der große Bluff" im Goldegg-Verlag.

    Günther Malek ist Allgemeinmediziner mit komplementärmedizinischer Ausbildung in Osteopathie und Akupunktur. Er betreibt ein Zentrum für Integrative Medizin in Wien.

    • Günther Malek (li.): "Heilung muss für den Menschen als nachvollziehbarer Prozess erlebt werden. Das fehlt der Hightechmedizin." 
Theodor Much: "Es gibt viele Beispiele, dass Alternativmediziner unsinnige Diagnosen stellen und wirkungslose Therapien verordnen."
      foto: derstandard/regine hendrich

      Günther Malek (li.): "Heilung muss für den Menschen als nachvollziehbarer Prozess erlebt werden. Das fehlt der Hightechmedizin."

      Theodor Much: "Es gibt viele Beispiele, dass Alternativmediziner unsinnige Diagnosen stellen und wirkungslose Therapien verordnen."

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