Interviewbuch: "Auch gute Journalisten sind korrumpierbar"

23. Juni 2013, 18:30
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"Nicht nur bei der Mafia so": Interviewbuch fragt Journalisten, Politiker, Berater, wer Themen in Medien bestimmt

Selbstbestimmt oder fremdbestimmt, fragen Clemens Hüffel (bis 2011 im Wissenschaftsministerium) und Journalismus-Doyenne Anneliese Rohrer in ihrem siebenten Band aus der Reihe "Medienwissen" (Verlag Holzhausen). Wer also setzt die Themen in den Medien?, lassen Rohrer und Hüffel wieder Studierende an der Wiener Journalismus-FH fragen - Politiker, Politikberater, Journalisten. Präsentiert als Wortinterviews.

Viele der Antworten sind erwartbar, manche erfrischend offen (wie jene von STANDARD-Fotograf Matthias Cremer über Maria Fekters Gesichtsmuskulatur). Die Spannung kann der Leser, die Leserin auch gern selbst aufbauen, wenn er oder sie verstreute Aussagen einander gegenüberstellt. Ein paar Kostproben, erfrischend bis offen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (wenn Sie weitere bemerkenswert finden, bitte posten):

Die Angst vor der Qualität

"Diese Beobachtung ist richtig", sagt Andreas Rudas, heute RTL-Manager, über seine Zeit als SPÖ-Geschäftsführer (1997 bis 2000, nach seinem Job als ORF-Generalsekretär). Er bestätigt den Eindruck der Interviewerin, Rudas habe als SPÖ-Manager "nur mit der Krone, News und dem ORF zusammengearbeitet": "Das hing mit der inhaltlichen Schwäche der SPÖ zusammen. Je mehr man darauf angewiesen war, politische Kommunikation vor Inhalt zu stellen, desto mehr musste man die großen Medien mit hoher Reichweite nützen, die auch wenig Platz und Zeit für Inhalte haben. Ich schätze 'Die Presse', den STANDARD und die 'Wiener Zeitung' sehr. Um mit diesen Zeitungen auf politisch-inhaltlicher Basis zu kommunizieren, muss ich eine Agenda haben. Ich konnte zu dieser Zeit beispielsweise mit Anneliese Rohrer (damals Innenpolitikchefin der 'Presse') kein Interview machen, weil sie bestimmt nach dem zweiten Satz zu mir gesagt hätte: Herr Rudas, jetzt erzählen Sie mir schon wieder das Gleiche!"

Es war die "Angst" vor Qualitätsmedien, die diese Selektion verursachte? Rudas: "Genau. Die Angst, dass die mangelnden Inhalte für die Qualitätsmedien nicht ausreichen."

Rudas und die Inseratenaffäre

Die Inseratenaffäre um Wünsche Werner Faymanns und Josef Ostermayers an Staatsunternehmen wie die ÖBB und Asfinag nach Inseraten kommentiert Rudas so:

"Ich möchte nicht die österreichische Innenpolitik bewerten. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Matthias Döpfner (Springer-Vorstandschef) mit (der deutschen Kanzlerin) Angela Merkel zusammensetzt und ihr eine Inseratenkampagne vorschlägt, woraufhin Frau Merkel die Deutsche Bahn anruft und sagt: 'Geh, das wäre gut für euch, wenn ihr beim Springer Inserate schaltet.' Dass diese Situation jemals eintritt, halte ich für unwahrscheinlich."

A propos Werbung, Rudas nennt auch seinen "größten kommunikativen Fehler in Bezug auf Viktor Klima": "Ich habe gegen ein absolutes No-Go verstoßen, das da wäre: Good advertising kills a bad product faster. Es wurde damals mehr über die professionelle politische Kommunikation der SPÖ berichtet als über den politischen Inhalt." Er, Rudas, habe "von der Partei Dinge verlangt, zu der sie nicht bereit war, jedenfalls noch nicht. Viktor Klima ist ein großartiger Mensch, der anderen nicht weh tun wollte. Er war sehr auf innere Harmonie bedacht, wollte die ganze Partei mitnehmen und niemanden vor den Kopf stoßen. Deshalb ist er auch keine Konflikte eingegangen, die innerhalb der Partei aber notwenig gewesen wären." Franz Vranitzky habe bei der verstaatlichten Industrie, der EU oder "der Antisemitismus-Frage auf die Partei 'gepfiffen' und seine Überzeugung durchgezogen."

"Ja, sicher" instrumentalisieren

"Ja, sicher" können Politiker, Pressesprecher, Lobbyisten, Interessenvertreter, NGOs Journalisten instrumentalisieren, sagt Eva Weissenberger, Chefredakteurin der "Kleinen Zeitung" Kärnten. Sie erklärt aber auch gleich wie: "Die beste Bestechung ist ein guter Zund. Auch gute Journalisten sind korrumpier- oder zumindest manipulierbar durch brisante Informationen. Das kann entweder eine exklusive Ansage sein oder es sind Unterlagen, die als Grundlage für eine Aufdeckergeschichte dienen könnten. Für manche Journalisten stimmt zudem der Spruch, dass man die Hand, die einen mit Informationen füttert, nicht so schnell beißt."

Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen dazu: "Ich tue dir einen Gefallen, du tust mir einen Gefallen – das ist nicht nur bei der Mafia so."

Solo-Interview als "Beleidigung"

Weissenberger erinnert auch: "Man muss sich bei Solo-Interviews immer fragen: Warum redet der nur mit mir? Weil ich die gescheiteste Journalistin des Landes bin, die einzige, mit der man reden kann? Wohl nicht. Ich habe es einmal eher als Beleidigung empfunden, als ein Finanzminister in einem Wahlkampf ausgerechnet mir ein Interview geben wollte und partout nicht einem älteren Kollegen, der lange im Wirtschaftsressort tätig war."

Einmal noch Weissenberger: "Der Wiener Boulevard hat sicher mehr Einfluss auf die Politik als alle Qualtätsmedien zusammen. Das liegt daran, dass sich die Politik vor ihm fürchtet."

Die wahre Gefahr

Andreas Koller ("Salzburger Nachrichten") über die Enge von Politikern, Beratern und Medien auf dem kleinen Markt Österreich: "Ich bin mit Politikern per du, die ich seit Kindestagen kenne. Da sollte man sich im Klaren sein, dass man zwischen der Person und dem Amt, das sie ausführt, strikt trennen muss. Ob das in Österreich immer gelingt, weiß ich nicht. Die wahre Gefahr ist allerdings nicht die persönliche Verhaberung, sondern alles, was über öffentliche Anzeigen läuft, wenn sich zum Beispiel die Stadt Wien in der Wiener Boulevardpresse einkauft."

Inseratenkunden, so Koller, sagten: "Was ist mit euch los? Bei der Zeitung X bekomme ich zu einem Inserat noch ein freundliches Interview mit dem Minister. Bei euch kann ich zwar inserieren, es wird aber nicht freundlich über den Minister berichtet."

Dazu berichtet Anneliese Rohrer in ihrer Einleitung zum Buch über Workshops der FH Wien, in denen Studentinnen und Studenten zwei Gratiszeitungen "des Wiener Raums" eine Woche analysierten auf Berichte, "die mit Inseraten auf der jeweiligen Seite übereinstimmten": "In einem der Produkte war knapp die Hälfte der Inserate bericht-gestützt, um es so zu formulieren."

"Strukturelle Gewalt" des ORF

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl beschwert sich im Buch, dass der ORF Kanzler Werner Faymann die Konfrontation mit Heinz-Christian Strache erspare, wo er kann. Kickl: "Hier sieht man, dass der ORF seine Möglichkeiten zur Ausübung von struktureller Gewalt sehr exzessiv ausnützt und sich zum Erfüllungsgehilfen der Regierungsinteressen macht."

Kickl glaubt übrigens "nicht, dass ich in irgendeinem Fall eine Grenze überschritten hätte" bei seinen Wahlkämpfen. Auch "Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe" der Innsbrucker FPÖ, in einer Instanz verurteilt, findet er "legitim", an dem Plakat stört ihn nur "der Mangel, nicht in korrektem Deutsch formuliert zu sein."

Das Schlusswort borgen wir uns von Gabi Burgstaller, bis in dieses Frühjahr Salzburgs Landeshauptfrau, über den Finanzskandal in ihrer Landesregierung: "Die Ruhe, etwas aufzuarbeiten, hat man selten." (fid, derStandard.at, 23.6.2013)

Clemens Hüffel, Anneliese Rohrer (Hg.): "Selbstbestimmt oder Fremdbestimmt?", Reihe Medienwissen, Verlag Holzhausen 2013.

  • Wer setzt die Themen in den Medien? Neben erwartbaren auch erfrischende Aussagen von Politikern, Politikberatern, Journalisten.
    foto: verlag

    Wer setzt die Themen in den Medien? Neben erwartbaren auch erfrischende Aussagen von Politikern, Politikberatern, Journalisten.

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