Sechs Stunden für den Klassiker der Aufregung

23. Juni 2013, 17:55
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Sebastian Hartmann beendet seine an Skandalen nicht arme Schauspielintendanz mit einer Aktion von Hermann Nitsch, die fast verboten worden wäre

Am Tag zuvor dachte man noch, ein Skandal würde die Leipziger Intendanz von Sebastian Hartmann beenden. Während der Generalprobe hatte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung ein Verbot von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater verfügt: Tiere dürfen, begründete er sein Schreiben, nicht ausschließlich zum Zwecke der Kunst getötet werden. Doch seinen Einspruch entkräftete man schnell, indem das Theater bereits geschlachtetes, zum Verzehr bestimmtes Fleisch für die Aufführung kaufte.

Insgesamt blieb der Protest gegen diese erste Aktion von Nitsch in einem Bundesland der ehemaligen DDR doch recht gering. Zwar hatten Tierschützer für eine Petition gegen Nitsch mehr als 20.000 Unterschriften weltweit über das Netz zusammengebracht. Aber die Demonstration, zu der die Partei "Mensch - Umwelt - Tierschutz" vor dem Theater aufgerufen hatte, war klein; und im Theater wurde die Aktion auch nur anfangs durch einige wenige rabiate Zwischenrufe gestört.

Vermisste Gegnerschaft

Viele Zuschauer, so schien es, vermissten die Gegnerschaft geradezu: macht doch erst der Widerstand gegen die von Nitsch inszenierten Opfer- und Kreuzigungsriten die daran Beteiligten zur verschworenen Gemeinde. Auch hatte Sebastian Hartmann als Regisseur in seiner fünfjährigen Intendanz bereits durch weitaus heftigere Skandale provoziert und polarisiert als durch das vergleichsweise harmlose Revival von Nitschs Mysterientheater.

Der Bezug auf archaische und christliche Riten, auf Dionysoskulte und christliche Passionen machte Nitsch freilich zu einem Kronzeugen für sein Regietheater. Mit einem "Matthäus-Passion-Triptychon" hatte Sebastian Hartmann seine Intendanz begonnen, aber auch Hofmannsthals Jedermann, der in Leipzig von Jürgen Kruse als schräge Fete eines sterbenden Rockers inszeniert wurde, zeigt das Interesse am Sakralen

Dass auf der Bühne nicht ein Rind geschlachtet wird - wie im Schlosshof von Nitschs Anwesen in Prinzendorf -, sondern nur mit verzehrbarem Fleisch gespielt wird, macht für das Theater kaum einen Unterschied. Als Zuschauer vom Rangsitz aus oder meist unter schlechten Sichtbedingungen hinter einer Säule im Foyer ist man selbst nicht in die Opferrituale involviert, sondern verfolgt fast mit intellektuellem Amüsement das oft ein wenig langatmige Geschehen.

Die Überschüttung

Also: das Spiel mit den Gedärmen, das Zertrampeln der Tomaten, die Balgerei um das Fleisch, die Überschüttungen gekreuzigter Männer und Frauen mit Blut. So erscheint die Aufführung wie eine kunstgeschichtliche Schulstunde zur Wiener Aktionskunst. Schließlich hat Nitsch mit seinen Aktionen bereits 1962 begonnen, die Leipziger ist seine 138. Die Struktur hat sich dabei kaum geändert:

Im Theater wirken die Teilnehmer, die sich überschütten lassen, und die Malerassistenten in Ministrantenkitteln oft wie ein wenig unbeholfene, manchmal auch konfuse Dilettanten. Allerdings kommen im Finale nach fast sechs Stunden die oft langatmigen Aktionen plötzlich auf dem zunehmend glitschigeren Boden so in Fahrt, dass Nitsch nach dieser Schlussorgie mit überraschend langen Ovationen gefeiert wird.

Auch in Leipzig lässt sich dabei konstatieren, dass in Nitschs Gesamtkunstwerk die Musik immer mehr an Bedeutung gewinnt. Seiner Musik und dem Orchester unter Andrea Cusumano war deshalb auch ein eigener Abend in Leipzig gewidmet. Dazu kam die Blaskapelle Venkovanka, die zusammen mit den Trockenbrot-, Wein- und Traubenverkostungen immer wieder auch an ein kirchlich-heidnisches Dorffest denken ließ. Als Aktionsmaler machte Nitsch sich dagegen zunehmend weniger bemerkbar. " Schüttbilder" von der Leipziger Aktion waren nicht zu erwerben. (Bernhard Doppler, DER STANDARD, 24.6.2013)

  • Ekstase - ganz im Sinne von Hermann Nitsch.
    foto: david baltzer

    Ekstase - ganz im Sinne von Hermann Nitsch.

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