Sind Millionäre reich?

Blog23. Juni 2013, 10:54
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Geldvermögen wirft weniger ab als früher und ist nicht das einzige Kriterium für Wohlstand

Dumme Frage, werden sich viele User bei dem Titel denken. Schließlich ist der Begriff Millionär ein Synonym für Reichtum.

Und auch wenn am Ende des letzten Jahrhunderts ein Schilling-Millionär mit umgerechnet 73.000 Euro nicht wirklich in Geld geschwommen ist, so zählt etwa für das Beratungsunternehmen Capgemini die Million Dollar (750.000 Euro) als anlagefähiges Vermögen als Schwelle für „High Net-Worth Individuals“, der moderne Begriff für Reiche.

Rund 99.000 Millionäre gibt es demnach in Österreich, der Großteil von ihnen am unteren Ende zwischen 750.000 und eineinhalb Millionen Euro.

Aber wie reich ist jemand, der 750.000 Euro auf der hohen Kante hat? Er oder sie kann sich damit heute ein schönes Einfamilienhaus im Speckgürtel oder eine kleine Wohnung in der Stadt kaufen; Villen und Luxusappartements in Innenstadtnähe gehen sich angesichts gestiegener Immobilienpreise schon lange nicht mehr aus. Und Menschen, die über solche Unterkünfte verfügen, werden üblicherweise nicht als reich bezeichnet.

Die traditionelle Vorstellung von Reichtum ist die, dass man den von Erträgen seines Vermögens leben kann, ohne das Vermögen selbst zu verringern, um es dann seinen Kindern vermachen zu können. Das ist das Bild des Rentiers.

Daher stellt sich die Frage, was einem 750.000 Euro heute bringt. In den vergangenen 30 Jahren – also seit Anfang der 1980er-Jahre – haben Vermögensberater mit gutem Gewissen Renditen von fünf Prozent ohne großes Risiko versprochen. Denn die Kapitalmärkte liefen trotz einiger Rückschläge bis zur Finanzkrise 2008 blendend. Diese Zeiten sind vorbei.

Wer heute eine reale Nettorendite (also nach Steuern und bei Berücksichtigung der Geldentwertung) von nur einem Prozent erwirtschaften will, der braucht Geschick und auch ein wenig Glück. Denn er muss etwas Risiko eingehen und kann nur hoffen, dass er nichts verliert. Und daran wird sich in den kommenden Jahren und wahrscheinlich auch Jahrzehnten wenig ändern, selbst wenn die Zinsen wieder steigen. Die Faktoren, die Kapital so lukrativ gemacht haben – vor allem die fortschreitende Globalisierung – sind an ihre Grenzen gestoßen.

Doch ein Prozent Rendite bedeuten bei 750.000 Euro nur 7500 Euro im Jahr oder 625 Euro im Monat. Das ist besser als nichts, aber viel Konsum lässt sich damit nicht finanzieren. Reichtum sieht anders aus.

Natürlich kann ein 60jähriger entscheiden, sein Geld über 20 Jahre aufzubrauchen, und hätte dann ca. 40.000 Euro im Jahr oder 3300 Euro im Monat. Das ist schön für (meist) kinderlose Pensionisten, aber auch kein Ticket in die Welt der Reichen.

In den USA mit seinem dünnen sozialen Sicherheitsnetz ist dies ein akutes soziales Thema. Eine Million Dollar sind bei so niedrigen Zinsen kein Schutz vor Altersarmut. Millionen von Babyboomern können deshalb nicht aufhören zu arbeiten.

Relevant ist diese Frage auch in Österreich, weil Reichtum im kommenden Wahlkampf eine große Rolle spielen könnte; die SPÖ drängt ja auf eine Vermögenssteuer für Vermögen ab einer Million Euro. Laut einer Studie der Nationalbank Vermögen in Österreich ganz besonders ungerecht verteilt. Die Studie ist umstritten, weil sie gewisse finanzielle Werte auslässt, die zwar traditionell nicht als Vermögen gelten, aber ein wohlhabenderes Leben ermöglichen. Dazu zählen vor allem hohe Pensionen und günstige langfristige Wohnmöglichkeiten, von denen meist andere Gesellschaftsschichten profitieren als die typischen Vermögenden.

Es ist deshalb sinnvoll, den Vorteil eines kleinen Vermögens mit diesen anderen Privilegien zu vergleichen. Wer in einer Gemeindewohnung lebt, in einem einst geförderten Reihenhaus, oder mit 700 Euro Miete in einer 200 Quadratmeter großen Wohnung in der Innenstadt, hat gegenüber marktgerechten Wohnkosten einen Vorteil, der viel mehr beträgt als 625 Euro.

Er ist de facto reicher als der Millionär, auch wenn sich dieser Wert nicht immer (aber dank Eintrittsrechten und genossenschaftlichem Eigentum oft) an Kinder weiterreichen lässt.

Und ein pensionierter Beamter, der statt der ASVG-Höchstpension von 3258 Euro auch nur tausend Euro mehr im Monat erhält – und von denen gibt es in Österreich doch recht viele -, der streift bis an sein Lebensende etwa so viel ein, wie ein Zwei-Millionen-Dollar Vermögen abwirft. Und das – im Gegensatz zur Geldanlage – praktisch ohne Risiko.

Einem Gewerbetreibenden, der sein Geschäft um diesen Betrag verkauft hat und nun die Erträge zur Aufbesserung seiner kleinen Pension benötigt, geht es deutlich schlechter.

Gerade in Österreich ist der alleinige Fokus auf Anlagevermögen deshalb fehl am Platz. Das spricht noch nicht gegen eine höhere Besteuerung von gewissen Vermögenswerten, vor allem von Erbschaften und von Grundbesitz. Denn meist gehen größere Vermögen mit hohem Wohlstand Hand in Hand.

Aber selbstverständlich ist das nicht. Die Million, ob Euro oder Dollar, ist daher die falsche Grundlage für Umverteilungsdebatten. (Eric Frey, derStandard.at, 23.6.2013)

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