Gezi-Unterstützer im Visier

21. Juni 2013, 18:26
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Stimmungsmache gegen türkische Schauspieler

Istanbul - "Hexenjagd" nennen es türkische Kommentatoren und Oppositionspolitiker: Während die Protestbewegung gegen die Regierung des konservativ-religiösen Premiers Tayyip Erdogan zumindest in der Millionenstadt Istanbul nun "passiven Widerstand" probt, wächst der Druck auf prominente Unterstützer der Besetzer des Gezi-Parks. Massen-Emails von Privatpersonen kursieren mit einer Liste missliebiger Schauspieler: "Diese Künstler wollen wir weder im TV noch in der Werbung sehen", steht in den namentlich und mit Telefonnummern gezeichneten Mails.

Die bis zu 100 Namen langen Listen führt in der Regel Mehmet Ali Alabora an, ein populärer Fernsehschauspieler, der auch für die einst staatliche Is-Bank Reklamestreifen dreht. Regierungschef Erdogan kritisierte den Schauspieler indirekt und kündigte bei seinen Massenveranstaltungen in Ankara und Istanbul an, man werde die Verantwortlichen "einen nach dem anderen" finden, die in den sozialen Medien die Proteste angetrieben hätten. Alabora hatte Ende Mai an Erdogan gerichtet getwittert: "Mann, hier geht es nicht nur um den Gezi-Park. Hast du das nicht verstanden?"

Auch Halit Ergenç, der Darsteller des Sultans Süleyman I in der populären Fernsehserie Das prächtige Jahrhundert, steht auf den Listen. Künstler, die sich mit den Demokratieprotesten solidarisierten, würden künftig von Festivals in Städten unter AKP-Regierung verbannt, behauptete zudem ein Kolumnist des Massenblatts Hürriyet.

Türkische Medien berichteten am Freitag auch über weitere "Racheakte" gegen die Demonstranten. So hätten verhaftete Parkbesetzer laut Aussagen ihrer Anwälte Erdogans Rede bei der Massenkundgebung in Istanbul am vergangenen Sonntag im Fernsehen ansehen müssen. (Markus Bernath, DER STANDARD, 22.6.2013)

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    Flagge zeigen am Denkmal der Republik auf dem Taksim: Gegen prominente Unterstützer der Proteste läuft eine Kampagne.

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