Betörender Strom der Töne im Zauberspiegel

21. Juni 2013, 18:09
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Neu einstudiert: Strauss' "Capriccio" an der Staatsoper

Wien - In keiner anderen Oper wird so viel gegähnt wie im letzten Bühnenwerk von Richard Strauss. Allerdings ist es vor allem der Theaterdirektor La Roche, der da eine so große Müdigkeit verspürt. Angesichts der Nichthandlung von Capriccio hatte der Komponist selbst sein Stück als ungeeignet für das breite Publikum angesehen - und sich damit gehörig getäuscht.

Denn viele verlieren sich überaus gerne in den Windungen der Geschichte mit ihren vielen doppelten Böden und Anspielungen. Die radikale Weltflucht im 1942 in München "unter der Schirmherrschaft des Herrn Reichsministers Dr. Joseph Goebbels" uraufgeführten "Konversationsstück für Musik" und dessen weitschweifende Ergüsse über das Verhältnis zwischen Wort und Ton in der Oper bleiben allerdings schwer zu ergründen.

Die Neueinstudierung an der Staatsoper ist dessen unbeschadet rundum geglückt: Dirigent Christoph Eschenbach beschränkte sich ähnlich wie der alte Strauss auf fast administrative Zeichengebung und ließ dem Orchester Raum für glühende Eskapaden, sodass der betörende Zauberspiegel im Graben mit der kirschverdächtigen Marelli-Inszenierung aufs Schönste wetteiferte.

Viel sängerischer Glanz

Schier unglaublich das Aufgebot sängerischer Prominenz und sehr guter Rollendebütanten: Die beiden Liebhaber Flamand (Michael Schade) und Olivier (Markus Eiche) waren ein ebenbürtiges Kontrahentenpaar um die Gunst der Gräfin (Renée Fleming wirkte ungewohnt angestrengt und war erst im Schlussmonolog ganz souverän), neben der ein herrlich unbeholfener Graf (Bo Skovhus) und eine verruchte Clairon (Angelika Kirchschlager) nicht zu Unrecht weitere Publikumssympathien einfuhren.

Klaglos und komisch agierten Monsieur Taupe (Michael Roider) und das italienische Sängerpaar (Íride Martínez und Benjamin Bruns), während Kurt Rydl als La Roche so viel Selbstironie versprühte, dass er zuweilen all den schönen Schein ringsum vergessen ließ: Sein Gähnen jedenfalls war nicht ansteckend. (Daniel Ender, DER STANDARD, 22./23.6.2013)

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