Für eine Kultur des Weniger

21. Juni 2013, 17:03
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Der Sozialpsychologe Harald Welzer besticht mit vielen Ideen für ein reduktives Wirtschaftssystem

Was beweist die aktuelle Flut konsumkritischer Neuerscheinungen - dass sich der Kapitalismus in einer Krise befindet oder dass man dem Markt eben doch nicht entkommen kann? Harald Welzer hat zwar auch ein neues Buch geschrieben, das nicht zuletzt verkauft werden will, inhaltlich plädiert der Autor jedoch für eine Kultur des Weniger. Als Sozialpsychologe setzt er dabei vor allem auf brachliegende soziale Ressourcen - statt sich eine Bohrmaschine zu kaufen, sollte man sie sich lieber vom Nachbarn leihen, so eines von Welzers Beispielen.

Ein reduktives Wirtschaftssystem sei als Alternative zum herrschenden Konsumismus deshalb nötig, weil die jetzige, allein auf Expansion gerichtete Ökonomie alle natürlichen Rohstoffquellen verbraucht - und damit die Zukunft.

Die herrschende Ökonomie hat dagegen für Welzer ihr "Mindesthaltbarkeitsdatum" bereits überschritten, längst gehe es nur noch um die Erhaltung des Status quo.

Dabei setzten alle Problemlösungsstrategien auf das Prinzip des "Mehr desselben" (noch tiefer bohren, noch mehr Geld in die Märkte pumpen) - bis hin zur Illusion eines "grünen Wachstums". Illusion deshalb, weil bislang noch keine effizientere Energienutzung dazu geführt habe, dass insgesamt tatsächlich weniger Energie verbraucht würde - und weil neue Techniken nicht schon an sich sinnvoll seien, sondern nur im Rahmen einer anderen, eben reduktiven Kultur. Innerhalb unseres expansiven Paradigmas dienten Ökostrom oder Passivhäuser doch nur zur Gewissensberuhigung - oder als Alibi für eine Fernreise extra.

"Opa war kein Nazi"

Der in St. Gallen lehrende Sozialpsychologe hat sich vor allem mit Arbeiten zur NS-Zeit wie Opa war kein Nazi einen Namen gemacht und wendet sich seit einigen Jahren verstärkt dem Thema Zukunft in Zeiten des Klimawandels zu. Überraschenderweise lassen sich etliche seiner aus der Holocaust-Forschung gewonnenen Einsichten übertragen: Denn das Konzept der "shifting baselines", des veränderbaren Rahmens dessen, was als gesellschaftlich normal gilt, erklärt eben nicht nur, warum aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden können, sondern ebenso, warum wir es heute für normal erachten, mit dem eigenen Auto zur Arbeit zu fahren, obwohl die meisten ebenso mit dem Bus dorthin kämen - und warum Autofahren eines Tages so diskreditiert sein könnte wie heute das Rauchen.

Bei der Frage nach den Handlungsspielräumen des Einzelnen packt Welzer den Leser zunächst ordentlich am Schlafittchen ("Ich spreche über Sie"), schlägt ihm alle grün-alternativen Wunschfantasien aus der Hand und lässt ihn hinter die "Benutzeroberfläche einer rechenschaftslosen Welt" blicken.

Letztlich hänge es vom Einzelnen ab, ob ihn jenseits seiner nicht zukunftsfähigen Komfortzone nur ein dicker Wollpulli erwartet. Schließlich "existieren eine unendliche Menge von Möglichkeiten, es sich selbst und anderen unbequem zu machen". Mögliche Vorbilder für eine nachhaltige Zukunft findet der Mitbegründer der Stiftung Futurzwei in Techniken des Umnutzens und Upcyclens defekter Dinge, in "Resilienzgemeinschaften" wie der Freiwilligen Feuerwehr, in Sharing- und Crowdfunding-Projekten, in Gemeinschaftsgärten oder gemeinwohlorientierten Unternehmen wie der Schweizer Bahn.

Das alles ist in höchstem Maße lesenswert, intelligent und ansteckend in seinem Appell an den Möglichkeitssinn. Eine gesellschaftliche Synthese ergeben diese Vorschläge aber noch nicht, sosehr sie auch im Einzelnen funktionieren mögen. Aber wer finanziert das Gesundheits- oder Rentensystem oder gar das von Welzer geforderte bedingungslose Grundeinkommen in einem nicht-konsumistischen Wirtschaftssystem? Wie abhängig Demokratie und Rechtssystem von stabilen ökonomischen Verhältnissen sind, lässt sich in einem seit wenigen Jahren europaweit laufenden Realexperiment anschaulich beobachten, mit noch ungewissem Ausgang. (Oliver Pfohlmann, DER STANDARD, Album, 22.6.2013)

Harald Welzer, "Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand." € 20,- / 328 Seiten, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2013

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