"Bildung ist kein Heilsversprechen"

24. Juni 2013, 10:17
1 Posting

Warum ist Bildung kein Heilsversprechen, und wo genau bestehen für Frauen Hemmnisse? Wer trägt im System Staat, Firmen und Individuen welche Verantwortung? Der Gleichstellungsverein abz Austria lud zur Auseinandersetzung

Es ist kein Geheimnis: Frauen haben Männer beim Bildungsniveau längst überholt. Bei der dritten abz*Matinee im Rahmen der Veranstaltungsreihe " Future in Progress" im Gleichstellungshaus in Wien-Simmering wurde Bildung als Schlüsselfaktor für gleiche Teilhabe in allen Lebensbereichen zum Thema gemacht.

Gabriele Schmid, Leiterin Abteilung Bildungspolitik Arbeiterkammer Wien, ging in ihrer Keynote der Frage nach, ob gebildete Frauen den Traum vom guten Leben schaffen. Und: "Bildung ist ein notwendiger Weg zur beruflichen Integration und Gleichstellung von Frauen, sie ist aber kein Heilsversprechen", sagt Schmid. Fest stehe nämlich auch, dass Frauen ohne Hochschulabschluss ungleich schwerer in Führungspositionen kommen. Bei den weiblichen Führungskräften hat jede dritte einen Hochschulabschluss, bei den Männern nur jeder fünfte.

Bildung sei zwar eine wichtige Zugangsvoraussetzung, aber Bildung alleine werde die Gleichstellung nicht ermöglichen, ist Schmid überzeugt. Was helfen würde, wäre zum einen mehr Kreativität in den Unternehmen, um mehr Personen und vor allem mehr Frauen an Bildung teilhaben zu lassen. Als Beispiele nennt Schmid einen Learning-at-Work- Day für alle Mitarbeiter oder aber auch Bildungslotsen, die besonders bildungsferneren Mitarbeitern unterstützend zur Seite stehen.

Quoten für Aufsichtsräte

Für mehr Chancengleichheit brauche es zum anderen noch mehr wirkliche Innovationen. Gute Beispiele dafür seien das Fachkräftestipendium, Möglichkeiten zur Anerkennung informeller und nonformaler Kompetenzen, aber auch das "Karenz+"-Modell des abz*. Und natürlich brauche es auch Quoten für Aufsichtsräte, so Schmid. "Denn es gibt keinen Grund, noch länger zu warten."

Für Sita Mazumder, Wirtschaftsprofessorin am Institut für Finanzdienstleistungen Zug an der Hochschule Luzern, gibt es vier Gründe dafür, dass hochgebildete Frauen beruflich nicht vorankommen. "Will nicht" nennt sie als ersten Grund. Dieser ist selbstmotiviert und okay. " Darf nicht", der zweiten Grund: Hier ist es egal, auf welcher Stufe sie steht, sie wird immer mit mangelnder Akzeptanz als Geschäftspartnerin konfrontiert, bestimmte Vorurteile der anderen Seite werden aktiviert. Der dritte Grund: "Geht nicht" - Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist hier das wesentliche Thema für die karrieretechnische Stagnation. Und der vierte Grund "Kann nicht" hat mit dem eigenen Selbstbewusstsein zu tun. Denn: "Wenn man etwas will, muss man es sich auch nehmen", ergänzt sie.

Unternehmenskultur

Auf politischer Ebene wären eine Quotenregelung, aber auch ein Aufräumen bei gesetzlichen Ungleichheiten wichtige Ansätze. Von den Organisationen selbst fordert Mazumder mehr Mut. "Es gibt viele Programme am Papier, aber gelebt wird es nicht", sagt sie. Für das Funktionieren sei aber vor allem die Unternehmenskultur ausschlaggebend. "Interessant wird es, wenn die Generation Y, die in den 1980er-Jahren Geborenen, auf den Arbeitsmarkt drängen, denn mit den alten Rollenbildern haben die Jungen wenig am Hut", ergänzt Mazumder. Und hier werde es spannend, ob sie die Unternehmenskultur verändern können oder von ihr assimiliert werden.

Dramatische Defizite und massiven Reformbedarf im Schulwesen (20.000 Jugendliche ohne Abschluss pro Jahr), ideologische Minenfelder und erneut die mangelnde Infrastruktur zur Ermöglichung einer Vereinbarkeit waren dann heiß diskutierte Themen auf dem Podium. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, 22./23.6.2013)

  • Mittwoch im Gleichstellungshaus in Wien-Simmering: Die mit dem Goldenen Verdienstzeichen Wiens für ihre Gleichstellungsarbeit geehrte abz- Austria-Geschäftsführerin Manuela Vollmann, Ingrid Moritz (Arbeiterkammer Wien), Gundi Wentner (Deloitte), Frank Hensel (Vorstandschef Rewe-Gruppe), Bettina Stomper-Rosam (Northcote Recht) und Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste.
    foto: standard/urban

    Mittwoch im Gleichstellungshaus in Wien-Simmering: Die mit dem Goldenen Verdienstzeichen Wiens für ihre Gleichstellungsarbeit geehrte abz- Austria-Geschäftsführerin Manuela Vollmann, Ingrid Moritz (Arbeiterkammer Wien), Gundi Wentner (Deloitte), Frank Hensel (Vorstandschef Rewe-Gruppe), Bettina Stomper-Rosam (Northcote Recht) und Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste.

Share if you care.