Chinas Banken geht das Geld aus

21. Juni 2013, 15:54
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Dubiose Anlageversprechen und fragwürdige Verpflichtungen am grauen Finanzmarkt werden fällig, die Zentralbank will nicht mehr Finanzfeuerwehr spielen

Peking - Der Schreck war groß. Plötzlich steckten die chinesischen Banken in der gleichen Geldklemme wie der amerikanische Finanzmarkt 2008 nach der Lehman-Pleite. Der Interbankenmarkt kam am Donnerstag praktisch zum Stillstand, was den chinesischen Finanzmarkt in hellen Aufruhr versetzte. Alle hatten Angst, sich gegenseitig Geld zu leihen. "Der Markt war eingefroren", sagte Patrick Chovanec, früher Professor der renommierten Tsinghua-Universität in Peking und heute Chefökonom von Silvercrest Asset Management der Nachrichtenagentur dpa. Er warnt: "Die Lage ist ernst."

Die große staatliche Bank of China sah sich sogar genötigt, Gerüchte über ihre Zahlungsunfähigkeit zu dementieren. Es hieß, dass sie Zahlungen eine halbe Stunde aufschieben musste, weil ihr das Geld ausgegangen sei. "Was heißt zahlungsunfähig? Das Telefon nicht beantworten, wenn ein Kreditnehmer anruft? Nein. Aber Geld geben sie auch nicht heraus", sagt Chovanec. "Es ist nur Semantik: Sie sind nicht zahlungsunfähig gewesen, weil sie sich Zeit gekauft haben."

Eine Pleite und einen Sturm des Milliardenvolkes auf die Banken, die riesige Sparguthaben halten, möchte sich in Peking lieber niemand vorstellen. Aber das Unwetter am Finanzmarkt braute sich schon seit Anfang des Monats zusammen. Stetig stiegen die Geldmarktsätze, zu denen sich die Banken untereinander kurzfristig Geld leihen. Diese Woche explodierten sie auf fast 14 Prozent. Zwar fielen sie Freitag wieder, dürften sich den Markterwartungen nach den nächsten Monat aber bei rund 8,5 Prozent bewegen - ein beispiellos hohes Niveau.

Liquiditätsengpässe

Die Krise ist damit nicht überwunden, weil die Liquiditätsengpässe anhalten. Mehr als sechs Prozent definieren Ökonomen als Geldklemme. "Damit bewegen sie sich genau an der Klippe, wo sie jederzeit wieder festfrieren können", warnt Chovanec. "Wenn es einen Schock gibt, friert der Markt wieder ein." Die Misslichkeiten beginnen genau zu einem Zeitpunkt, wo die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde ohnehin schon an Dampf verliert. Die Stimmung in den Chefetagen ist schlecht. Die jüngsten Einkaufsmanagerindizes lassen keine Wachstumsbelebung erwarten, sondern deuten auf Kontraktion.

Das sind schlechte Nachrichten für die Weltkonjunktur, die stark vom Wachstum in China abhängig ist. Kreditklemme und hohe Raten am Interbankenmarkt bedrohen die Wirtschaftsentwicklung in China. "Sollte sich dieser Trend fortsetzen, besteht die Gefahr, dass sich die Verknappung auch bei der Kreditvergabe an Unternehmen und somit in der Realwirtschaft niederschlägt", warnen die Experten der Landesbank Hessen-Thüringen. Eine Rückkehr zur lockeren Geldpolitik wie nach Ausbruch der Finanzkrise 2008 kommt für Chinas Regierung aber nicht in Frage, weil sie hinter der heutigen Krise steckt.

Das Wachstum der vergangenen fünf Jahre ist durch massive Kreditvergabe und Investitionen erzeugt worden, die aber heute den Bankenstress auslösen. Das investierte Kapital hat nur wenig Erträge gebracht und muss jetzt durch neue Kredite refinanziert werden. Hinzu kommt, dass Kredite heute zunehmend weniger Wachstum generieren.

Geldbedarf

Die nötige Refinanzierung der Kredite, fällige Verpflichtungen aus dubiosen Vermögensverwaltungen und Zahlungsverpflichtungen der Banken im Schattenfinanzmarkt sorgen für den akuten Geldbedarf und die Explosion der Geldmarktsätze. Im vergangenen Jahr ist die Zentralbank noch eingesprungen, um Engpässe zu beseitigen, und hat vergeblich Kreditdisziplin angemahnt. Die neue chinesische Führung, die seit März im Amt ist, fährt jetzt einen härteren Kurs.

"Die Zentralbank hat die letzten zehn Tage klar gemacht, dass es keine schnelle Kreditexpansion geben wird und die Banken ihre Pläne für das Kreditwachstum zurückschrauben und vernünftig mit ihrer eigenen Liquidität umgehen müssen", sagte Wang Tao, Chefökonom der Schweizer UBS der Nachrichtenagentur Xinhua. Den Geldhahn wieder aufzudrehen, würde auch die Inflation nur wieder anheizen und die Immobilienblase nur vergrößern, warnen Experten.

"Sie haben aber diese Woche gemerkt, dass schon eine leichte Verringerung der Kreditvergabe durch die Zentralbank die Banken in Schwierigkeiten bringt", sagt Ökonom Chovanec. Chinas Finanzmarkt ist nach seiner Einschätzung "ein sehr gefährlicher Ort" geworden. (APA, 21.6.2013)

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    Kreditklemme und hohe Raten am Interbankenmarkt bedrohen die Wirtschaftsentwicklung in China.

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