Der träumende Mann mit dem Zylinder

21. Juni 2013, 18:39
posten

Die Neue Galerie in Graz zeigt mit der Ausstellung "Im Sog der Moderne" die bisher umfangreichste Retrospektive Wilhelm Thönys. 300 Werke aus 40 Jahren Schaffenszeit

Wilhelm Thöny war gesellig und vielseitig interessiert, in der Kunstszene zwischen seiner geliebten Heimatstadt Graz, München und später Paris und New York jemand, den man heute Netzwerker nennen würde, der aber trotzdem keine Freundschaften zu anderen Künstlern pflegte. Und er war auch ein begabter Pianist und Schreiber. So beschrieben Weggefährten und seine zweite Frau, Thea Thöny, den Maler.

Gerade Thea kannte auch die andere Seite ihres Mannes: Den Mann, der die Einsamkeit suchte, der von "Wahrträumen" geplagt wurde, durch die er gesellschaftliche Katastrophen wie den Zweiten Weltkrieg, aber auch persönliche, wie die Vernichtung eines Großteils seiner Werke bei einem Brand in New York (siehe Artikel "Steirischer Vorstoß"), vorausgeahnt haben soll.

Brücken ins Ungewisse

Sein Buch der Träume, etwa 100 grafische Blätter, die er zwischen 1919 und 1920 für den Georg-Müller-Verlag anfertigte, illustriert diese Flucht aus der Realität und sind Zeugnis für seine Verehrung des Schriftstellers und Grafikers Alfred Kubin.

Und der Mann mit dem Zylinder, der auch später in seiner Malerei immer wieder als Alter Ego Thönys interpretiert wird, hat oft etwas Einsames, Verlorenes und Trauriges: im Gewimmel von Menschen oder beim Überqueren von Brücken Richtung ungewisser Zukunft.

In der Ausstellung Im Sog der Moderne, kuratiert von Christa Steinle und Günther Holler-Schuster, werden Werke aus den 40 Schaffensjahren des Künstlers, der als Vorreiter der Moderne in der Steiermark galt, gezeigt. Es ist die bisher größte Thöny-Schau weltweit (bis 22. 9.). Ein Großteil der Werke stammt aus der hauseigenen Sammlung.

Thöny wurde 1988 in ein gutbürgerliches Haus in Graz geboren, ging später mit 20 nach München, wo er Malerei studierte und im Künstlercafé Stefanie in die Schwabinger Boheme eintauchte. Zurück in Graz, gründete er mit Alfred Wickenburg, Axl Leskoschek, Fritz Silberbauer und anderen die Sezession Graz, deren erster Präsident er wurde.

Berühmt wurde der gemäßigte Expressionist Thöny für seine Malerei, besonders Stadtansichten von Paris, wohin es ihn in erstmals 1929 zog, und New York, wohin Thöny gerade mit seiner jüdischen Frau Thea auf einem Schiff unterwegs war, als Hitler 1938 in Österreich einmarschierte.

Thöny war nie ein politischer Aktivist, biederte sich aber auch keinem Regime an, und Briefe und Skizzen belegen, dass er ein überzeugter Antifaschist war. Die Ausstellung, für die die Kuratoren auch zahlreiche Dokumente, Fotografien, Briefe und Rezensionen auswerteten und ausstellten, zeigt noch viele andere Facetten Thönys - etwa seine frühen Soldatenporträts, die er als Regimentsmaler während des Ersten Weltkrieges anfertigte, oder Arbeiten wie den Beethovenzyklus und seine in Paris entstandenen Rötelzeichnungen zur Französischen Revolution. Thöny hielt dabei keine historischen Massenszenen fest, sondern konzentrierte sich auf die Reaktionen in den Gesichtern der Menschen: Verzweiflung, Hoffnung, Stolz und Grauen leuchten den Betrachtern da entgegen.

Kosmopolit mit Heimweh

Thöny verliebte sich in Paris und New York sofort. Über Paris schwärmte er: "Alles ist groß und zart zugleich." Bei seinem ersten Blick auf New York vom Schiff aus beeindruckten ihn die "phantastischen Riesenfelsen von Häusern". Doch bis zu seinem Tod plagte ihn eine wehmütige Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Graz, die ihm "das Poetische" in seiner Arbeit verlieh, so seine Frau später in einem Interview, in einem Film, der in der Ausstellung zu sehen ist. Er sah Graz nie wieder. Schön, dass sein beeindruckendes Werk nun gerade hier zu sehen ist. (Colette M. Schmidt, Album, DER STANDARD, 22./23.6.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Thea und Wilhelm Thöny 1941 auf einer New Yorker Hotelterrasse ...

  • ... und im Doppelporträt von 1935.
    foto: umj/n. lackner, © galerie welz ges.m.b.h. salzburg

    ... und im Doppelporträt von 1935.

Share if you care.