Solange ich lebe, wird das Haus niemals fertig sein

21. Juni 2013, 17:53
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Frank Hoffmann wohnt im Winter in Pressbaum bei Wien und im Sommer in einem kleinen Haus in Güssing. Die alten Dachschindeln sind ihm besonders wichtig

Am Samstag Abend startet der Güssinger Kultursommer. Wenn Intendant Frank Hoffmann nicht gerade auf der Bühne steht, arbeitet er an seinem Haus oder bewundert seinen Feigenbaum. Wojciech Czaja war zu Besuch. 

"Eigentlich hatte ich mir immer gedacht: Wenn ich eines Tages aus dem Burgtheater ausscheide, dann will ich mich in der Toskana niederlassen. Erstens leben da einige liebe Freunde von mir, zweitens finde ich die Landschaft und Architektur zutiefst faszinierend. Ich sage nur: San Gimignano! Doch dann kam alles anders. In der Zwischenzeit hatte ich begonnen, im Burgenland tätig zu sein und hier Theater zu machen, unter anderem auf der Burg Güssing. 2001 habe ich dann den Güssinger Kultursommer ins Leben gerufen. Mittlerweile findet das Musik- und Theaterfestival bereits zum 13. Mal statt. Und ich sage das nicht ohne Stolz! Jedenfalls heißt das, dass ich viel Zeit und viel Arbeit investieren muss, und so habe ich beschlossen, mich hier niederzulassen.

Frank Hoffmann, ehemaliger Moderator der ORF-Sendung "Trailer", in seinem Haus im Südburgenland: "Wohnen und Einrichten ist ein Prozess ohne Ende." (Foto: Lisi Specht; Bildansicht durch Klick vergrößern)

Wenn man ans Burgenland denkt, hat man sofort ein schönes, romantisches Kellerstöckl vor Augen. Man kennt das ja. Doch dann bin ich durch Zufall, das war im Mai 2000, auf dieses kleine, hübsche Haus in Großmürbisch gestoßen, nicht weit von Güssing. Es stand zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre leer und war in keinem besonders guten Zustand. Das Dach war löchrig, aus den Fenstern wuchsen kleine Bäumchen heraus. Es bedurfte einiger Fantasie, um daraus was Ordentliches zu machen. Ein Glück, dass Fantasie für einen Schauspieler kein Problem ist!

Da oben, wo jetzt mein Wohnzimmer ist, war ein Dachstuhl mit einem riesigen Hornissennest und toten Ratten und Vögeln. Aber die Aussicht war prachtvoll. Also haben wir das Dach etwas geschleppt, also angehoben und nach außen gezogen, und ein paar Dachflächenfenster eingebaut, damit mehr Licht reinkommt.

Besonders wichtig bei all den Umbauarbeiten war mir jedoch, den alten Charakter des Hauses zu erhalten. Ich kann mich erinnern: Ich bin tagelang durch die Gegend gefahren und habe nach Abbruchhäusern Ausschau gehalten. Ich wollte unbedingt alte Dachschindeln haben – keines von diesen Wienerberger-Hightech-Produkten. Der Dachstuhl ist auch noch der alte, unlackiert und ungeölt, mitsamt Ästen und Schiefern. Und an den Wänden ist kein normaler Spritzputz, sondern schöner, unebener, handverriebener Reibputz. Das ist eine jahrhundertealte Technik, die heute kaum noch praktiziert wird, weil sie sehr aufwändig ist. Es war unmöglich, Handwerker zu finden, die das noch können! Also habe ich für kurze Zeit Profis aus Slowenien angeheuert.

Auch innen wollte ich den Stil des burgenländischen Landhauses erhalten. Die meisten Möbel stammen von einem Möbelflohmarkt, dessen Betreiber bis in die Ukraine nach Fundstücken sucht, aber auch von diversen Gastspielen und Reisen – wie sich's halt ergibt. Wichtig ist mir, dass das Einrichten niemals abgeschlossen ist. Immer wieder kommt was Neues hinzu, immer wieder fliegt was Altes raus. Es ist ein Prozess ohne Ende. Solange ich lebe, wird das Haus wohl niemals hundertprozentig fertig sein.

Alles in allem kann ich nur sagen: Die Landschaft hier ist wunderschön, die Menschen sind aufgeschlossen und kulturbegeistert. Ich fühle mich mit der Natur verwachsen. Doch vor allem schätze ich die Ruhe. 2007 hatte ich einen Herzinfarkt. Damals dachte ich mir: Ach, ich hätte gerne noch etwas mehr Zeit auf dieser Welt! Und so habe ich beschlossen, ein bisschen vom Gas zu steigen und mein Leben zu verlangsamen. Im Winter wohne ich mit meiner Frau in Pressbaum bei Wien, im Sommer bin ich in Güssing und schaue hinaus in den Garten, auf meinen schönen Feigenbaum, der vor dem Haus steht. Ich bin zufrieden. Und ich habe gelernt, dass Zufriedenheit damit zu tun hat, dass man sich nicht mehr wünscht als das, was erfüllbar ist." (DER STANDARD, 22./23.6.2013)

Frank Hoffmann, geboren 1938 in Radebeul bei Dresden, absolvierte die Otto-Falckenberg-Schule für Darstellende Kunst in München. Er hatte Gastspieltätigkeiten in Zürich, Genf, Los Angeles, San Francisco sowie bei den Salzburger Festspielen und wurde 1967 Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Von 1975 bis 1994 moderierte er die ORF-Kinosendung "Trailer". Seit 2001 ist er Intendant des Güssinger Kultursommers. Die Premiere ist am Samstag Abend um 20.30 Uhr mit Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock". Das Festival endet am 14. September.

Links

kultursommer.net

frankhoffmann.at

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