Cordula Simon: Wie weit liegt Odessa von Paris?

    21. Juni 2013, 18:46
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    Wie weit weg ist der Osten? Zwei Flugstunden - im 21. Jahrhundert ein Katzensprung. Vielleicht ist uns der Osten näher, als wir glauben, weil der Mensch ja doch überall ein Mensch ist

    Ich habe mich einmal dabei ertappt zu sagen: "Bei uns." Und habe in diesem Moment gemeint: "In der Ukraine." Auch wenn ich mir nie sicher bin, lange genug hier zu sein, um das zu dürfen. Und dann sah ich den Blick meiner Mutter - ich kann ihn jetzt noch vor mir sehen -, für die " bei uns" etwas anderes bedeutet. Da ist "bei uns" in der Oststeiermark, wo mein Elternhaus steht. Ein selbstgebautes "bei uns". In diesem kleinen Ort, Hainersdorf, gleich dort, wo die Autobahn den Knick macht. Und dann denke ich: Gerade habe ich meiner Mama wehgetan. Bis sie mich kurze Zeit später fragt: "Gibt's bei euch auch Fertignudelsuppen?" Wir haben einander verstanden. Ich habe verstanden, Glück zu haben, mich an mehr als einem Ort zu Hause fühlen zu dürfen.

    Das ist also, wo ich mich befinde. Irgendwo zwischen "bei euch" und "bei uns". Die Ukraine ist der Rand Europas. Oder der Rand Russlands. Das ist, was das Wort bedeutet: Ukraine - am Rand. Das größte Land des geografischen Europas, der dicke Rand, von dem gewiss noch niemand hinuntergefallen ist, zu einem Gebilde, dass mir als Kind auf Landkarten immer wie zerbröselnder Kuchen auszuschauen schien: das westliche Europa. Die Größe ist leicht zu unterschätzen - ein dicker Rand, wo alles wächst, oder wie ein ukrainischer Bauer mir vor langem zufrieden erzählte: "Hier hat Gott auf die Erde geschissen."

    Zugleich ist der Rand Europas manchmal auch der Rand der Realität. Die Grenzen von Realität sind nicht überall die gleichen. Erzählt mir jemand ein und dieselbe Geschichte in Graz und Odessa, bin ich in Graz eher geneigt zu sagen: So ein Unsinn. Während ich in Odessa frage: "Was? Tatsächlich?" Nur weil ich ein Haus sehe, das aus meinem Blickwinkel nur eine Fassade ist, bedeutet es nicht, dass dahinter nicht tatsächliche Räume liegen. Ein solches Haus findet sich in Odessa, und der Eindruck ist der Architektur zur Zeit Jekaterinas der Großen zu verdanken.

    Die Assoziationen der meisten Westeuropäer, wenn sie das Wort "Ukraine" hören, sind: dreckig, ungebildet, wild, kaputt. Gedanken an alte sowjetische Plattenbauten. An Zerfall. Und alles drum herum: ein diffuses Etwas. Da gibt es Länder, die gibt's gar nicht (Transnistrien zum Beispiel). An Tuberkulose und Aids. Beim Wort "Odessa" denken dagegen viele ans Meer, an die große Treppe und Spuren von Prunk. Ein Überbleibsel des Pompösen. An Palais und Kostümschinken-Kitsch.

    Der Osten näher als geglaubt

    Aber wie weit weg ist der Osten wirklich? Zwei Flugstunden - im 21. Jahrhundert also ein Katzensprung. Gleich ums Eck, da fährt man doch glatt mit der Marschrutka hin. Vielleicht ist uns der Osten aber näher, als wir glauben, weil der Mensch ja doch überall ein Mensch ist. Das merke ich, wann immer ich für kurze Aufenthalte nach Graz zurückgeworfen bin und beobachte, wie eine ältere Dame einen Supermarktmitarbeiter nach einem Produkt fragt, vor dem sie steht, es ist gleich vor ihr, nur um ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Genau wie der Mann in Odessa, der am Markt ewig auf Melonen klopft, um dann doch keine zu kaufen, weil er das Gezeter der Marktfrau gegen die Einsamkeit braucht.

    "Bei uns" und "bei euch" - nur Erfindungen, die wir Alteritätskonzepte nennen können. Oder weniger gestochen: So tun, als wären die Leute woanders andere, damit man behaupten kann "bei uns - das ist etwas Eigenes". "Bei denen", das ist jedes staatliche Gebilde, das jemand nicht als eigenes betrachten möchte. Wenn in der Ukraine jemand von der Europäischen Union spricht, dann sagen sie: "Bei euch." Und irgendwie würden sie schon gerne dazugehören zu diesem EU-Gebilde. Irgendwie - denn kompliziert ist die Sache ja allemal mit der großen russischen Minderheit.

    Wenn Ukrainer westeuropäische Städte bereisen, finden sie diese großartig und sagen, dass dort alles so aufgeräumt wirkte. Da zucke ich mit den Schultern und denke mir: Alles, was für Touristen bestimmt ist, ist sauber. Auch Odessa ist am schönsten dort, wo die Touristen sich sammeln. Ein russischer Spruch lautet: Klasno tam, gde nas njet. - Klasse ist es dort, wo wir nicht sind. Da nicke ich nur und muss kichern, weil das auch ein Österreicher gesagt haben könnte. Das Paradies ist immer anderswo. Dann schüttelt dafür ein anderer den Kopf und sagt, dass es sich in Odessa leichter tanzt als sonst wo. Oder dass sich in Odessa Champagner leichter trinkt. Obwohl: Champagner trinkt sich ja überall leicht. Ein Trankerl schätzen ja viele - hier wie da. Was Odessa noch geblieben ist neben den alten Gebäuden, ist der Humor: Als in Paris zu leben vor hundert Jahren als schrecklich modisch galt, entstand folgender oftmals zitierter Dialog:

    "Wie weit ist Paris von Odessa entfernt?"

    "Etwa zweitausendsechshundert Kilometer."

    "Ach nein, die Armen!" (Und dabei werden theatralisch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.)

    In Österreich hätte man gesagt: Daheim ist daheim.

    Die andere Seite ist, dass man doch auch sagen könnte: Was gehen mich die Probleme fern von daheim an? Die am Rand, das sind die, die nicht dazugehören, die aber dem Eigenen den Spiegel vorhalten, der weniger verzerrt ist, als man glauben möchte, denn die fremden Probleme schleichen sich an: Die dünne Oberschicht und dicke Unterschicht ohne ein Dazwischen? Ist es nicht das, worauf wir Westeuropäer uns schon seit einiger Zeit langsam, aber sicher zubewegen. Das soziale Gefüge hat schon lange begonnen auseinanderzuklaffen. In der Ukraine ist das eben im Zeitraffer passiert. Einige wenige mit viel Geld und einige wenige mit weniger, als nötig ist, trotz dreizehnstündigen Arbeitstagen siebenmal die Woche.

    Und für manche gibt es genug Zeit, aber kein Geld. Oder vielleicht gibt es genug Geld, aber man kann es nicht finden. Das liegt daran, dass wir eben alle nicht im Paradies leben, denn das ist ja bekanntlich dort in diesem chaotischen unerschlossenen Irgendwo auf der anderen Seite des Erdballs. In Odessa sagt man nicht: "Alles wird gut", man sagt: "Wir schlagen uns schon durch." Auf die Frage nach der Krise kann man hier wie dort antworten: Welche? Denn derer gibt es ausreichend.

    Als in meiner Wohnung eine Glühbirne explodiert ist, war ich überrascht, als ein Freund sie für mich ohne Handschuhe aus der Fassung fummelte. Das ist jetzt nicht real, denke ich. Ich wundere mich so offensichtlich, dass er mir schulterzuckend erklärt, dass der Homo sowjeticus eben mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod hat. Der Sowjetunion, der Zeit vor diesem großen Zerfall in rasanter Geschwindigkeit, wird noch hinterhergetrauert. In den Köpfen ist die Union oft noch präsent. Was ist, wenn wir einmal genauso gegenüber der Europäischen Union empfinden müssen? Wenn die sogenannte Generation Zukunftsangst (wir haben viele Namen) auch alle Ängste ablegt, außer dieser einen? Wenn wir nur mehr Glasscherben zerplatzter Glühbirnen und zerbrochener Bierflaschen haben, um den Kaufmann, der das Glück zu verkaufen hat, zu bezahlen, der aber blöderweise weit weg wohnt. Unbekannt verzogen. Dorthin, wo das Paradies ist.

    Dorthin, wo das Paradies ist

    Dabei würde ich mich lieber mit dem Problem beschäftigen, dass mir die Nudeln, die in der Ukraine wohl auch auf Bäumen wachsen (Gott hat hier auf die Erde geschissen), ständig am Topfboden anpicken, weil ich offenbar nicht fähig bin, Mengen richtig abzuschätzen. Dabei hätte ich lieber, dass mich das alles nichts anginge. Aber das ist alles "Was wäre, wenn"-Gefasel. Das ist doch nicht der Status quo, oder? Jetzt ist Westeuropa noch das eine und Osteuropa das andere. Ein dicker Rand zwischen der Europäischen Union und dem asiatischen Kontinent. Wo ja alles sowieso noch viel "anderer" ist, richtig? Möglicherweise sollte ich meine Nase in noch östlicheren Wind halten. Bislang bin ich ja nur zu dem Schluss gekommen, dass die Leute ja doch überall gleich sind. Vielleicht zu gleich.

    Ich kann mich ja auch von weit weg, vom Rand Europas oder vom Ende der Welt aus, fürchten, dass Graz wird wie Odessa. Oder freuen: In Odessa tanzt es sich leichter. Wir schlagen uns schon durch. Und ja, auch in der Ukraine gibt es Fertignudelsuppen. (Cordula Simon, Album, DER STANDARD, 22./23.6.2013)

    Cordula Simon, geb. 1986 in Graz, Studium der deutschen und russischen Philologie in Graz und Odessa. Mitglied der Grazer Literaturgruppe plattform. Nach Publikationen in diversen Zeitschriften (u. a. in "manuskripte") und mehreren Literaturpreisen (u. a. manuskripte-Förderpreis, Gustav-Riegler-Förderpreis) erschien im August 2012 ihr erster Roman "Der potemkinsche Hund" (Picus-Verlag). Seit 2011 lebt und schreibt sie in Odessa. Sie ist für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013 nominiert.

    • Assoziationen, wenn wir das Wort "Ukraine" hören: dreckig, wild, kaputt. Beim Wort "Odessa" denken viele ans Meer, an die große Treppe und Spuren von Prunk.
      foto: epa/sergey dolzhenko

      Assoziationen, wenn wir das Wort "Ukraine" hören: dreckig, wild, kaputt. Beim Wort "Odessa" denken viele ans Meer, an die große Treppe und Spuren von Prunk.

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