Wahlverwandtschaften, Wahn und Wirklichkeit

Kolumne21. Juni 2013, 18:11
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Eine Familienaufstellung. Von Julya Rabinowich

Die Relativitätstheorie lässt sich mit Einsteins bekanntestem Spruch kombinieren: Nicht nur die menschliche Dummheit scheint außer dem Universum unendlich, sondern auch ihr Zwillingsbruder, das Ego.

An Orten, an denen man dieser Melange schwer entkommen kann, gedeiht die Frustration besonders gut, die, mit manchen Orchideen vergleichbar, feuchtschwüle halbschattige Plätzchen und die Düngung mit seltenen Exkrementen bevorzugt. Dort, wo man unausweichlich noch ans große chaotische Ganze ausgeliefert wird: in der Familie. Verschärft: in der Großfamilie. Verschärfter: in der über den gesamten Globus verstreuten Großfamilie. Zum Beispiel in meiner.

Etwa jene, die amerikanischer als amerikanisch in San Francisco oder renitent in St. Petersburg oder religiös angehaucht in Tel Aviv leben und sich noch ganz gut mit dem Wiener Ableger verstanden hatten, oder jene in NYC, die sich in stiller, aber erbitterter Feindschaft übte, der Grund dafür: vor Generationen verlorengegangen, die Tradition wurde aber umso überzeugter hochgehalten. Für Autoren durchaus ein fruchtbarer Boden.

Dennoch vermied ich es, jenes Blut, das dicker ist als Wasser, in den Texten vorzuführen. Für Spaltkopf wurde ein Mix gefertigt, der nur in geringen Anteilen Eigenschaften der Onkel und Tanten in Russland und Israel und nur in Spuren jene der Neuamerikaner enthielt. Diese Retortenfamilie verursachte dennoch allergische Reaktionen: Ich rechnete nicht mit einer englischen Übersetzung des Romans. Aber Mensch denkt, Gott lenkt und Splithead erschien. Die Freude war groß, währte aber nur kurz.

Die aus San Francisco (nicht im Buch vorhanden) brachen den Kontakt gekränkt über eine so bösartige Darstellung sofort ab. Die New Yorker (nicht im Buch vorhanden) boten großzügig eine innigliche Wiedervereinigung an, da das Familienkonstrukt im Roman ein Muster engelhafter Rechtschaffenheit gewesen sei. Bei einer öffentlichen Lesung erschien mein Cousin (uneingeladen) und erklärte dem staunenden Publikum lautstark, dass er, und natürlich nur er, im Roman vorkäme, was auch absolut an der Zeit gewesen sei (der Beschriebene war ein großgewachsener Architekt, der Cousin ein kurzgeratener Rechtsanwalt. PS: All jene, die sich nun wiederfinden, sind nicht gemeint).

Die Tel Aviver lasen das Buch erst gar nicht, weil offenbar nur die Amerikaner darin vorkamen und es somit noch nicht einmal zum Lästern zu gebrauchen war. Vor denen in Russland war ich vorläufig sicher, da diese kein Englisch sprachen. An einer Übersetzung ins Russische bin ich nur noch mäßig interessiert. Obwohl: für mein Schriftsteller-Ego wär das schon was. Jedenfalls kurzfristig. Egal. Nach mir die Sintflut. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 22./23.6.2013)

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