Patientinnen tendieren eher zur Entfernung der Eierstöcke

21. Juni 2013, 12:11
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Der sogenannte Jolie-Effekt ist auch im Wiener AKH spürbar

Wien - Anfang Mai hat die US-Schauspielerin Angelina Jolie ihre vorsorgliche Brust-Amputation mit anschließender Rekonstruktion öffentlich gemacht. Bei der österreichweiten Hotline der Genetischen Beratung bei erblichem Brust- und Eierstockkrebs der Universitätsklinik für Frauenheilkunde im AKH Wien haben sich die Anfragen seither verfünffacht. Auch bei Frauengesundheitszentren haben sich derartige Anfragen seither verfünffacht - sie sprechen von einem "Jolie Effekt". Eine eben erschienene Auswertung der Daten von 246 Patientinnen der Wiener Klinik zeigt, dass sich in Österreich von BRCA1- oder BRCA2-Genmutationen betroffene Frauen eher zu einer Entfernung der Eierstöcke als zu einer Entfernung des Brustgewebes entschließen.

Christian Singer, Leiter des SpezialistInnenteams an der Wiener Universitäts-Frauenklinik, das sich mit Brustgesundheit (Senologie) beschäftigt, und die Co-AutorInnen analysierten die Daten von 246 Frauen, bei denen solche Genmutationen zwischen 1995 und 2012 festgestellt worden waren. Die Frauen wurden im Durchschnitt 6,5 Jahre bezüglich ihrer Gesundheit weiterverfolgt, schrieben die ExpertInnen in ihrer Online-Publikation in "Clinical Genetics".

Keine gute Früherkennung für Eierstockkrebs

Laut den Daten, votieren die meisten dieser Frauen für eine chirurgische Entfernung der Eierstöcke, nicht für eine Mastektomie. "Von den 90 Frauen, die bei der Feststellung der Mutationen noch keine Krebserkrankung hatten, ließen 21,4 Prozent eine beidseitige präventive Mastektomie durchführen, 46,1 Prozent entschlossen sich zu einer vorbeugenden beidseitigen Entfernung der Eierstöcke. Eine Frau entschloss sich zur vorbeugenden Einnahme von Tamoxifen (Antiöstrogen, Anm.)," so die AutorInnen.

Demnach standen die österreichischen Frauen mit genetischem Brust- und Eierstockkrebsrisiko vor dem Bekanntwerden des Eingriffs bei Angelina Jolie einer Entfernung des Brustgewebes eher skeptisch gegenüber. Singer sagt: "Die Entfernung der Eierstöcke ist weniger invasiv. Für Eierstockkrebs gibt es keine guten Früherkennungsmaßnahmen. Bei Frauen über 40 Jahren, die sich zu diesem Eingriff entscheiden, ist die Familienplanung auch zumeist schon abgeschlossen. Die Entfernung der Eierstöcke reduziert aber auch das Brustkrebsrisiko um etwa die Hälfte. Schließlich glauben noch immer viele Frauen, sie wären nach einer präventiven Mastektomie entstellt." Letzteres trifft nicht zu, weil die Brust wieder sehr gut aufgebaut werden kann.

Änderungen in Folge des Medienrummels

Die Situation kann sich aber im Gefolge des Medienrummels um Angelina Jolie ändern. "Wir spüren den Hype massiv", sagte der Gynäkologe bereits vor ein paar Tagen. Gab es früher zwei telefonische Anfragen pro Tag, seien es seit den Berichten über Jolies Entscheidung zehn täglich. Singer verwies darauf, dass sich Frauen auch an eines der österreichweit über 60 genetischen Beratungszentren wenden können. Betreuung und Behandlung sind kostenlos.

Jede dreihundert- bis fünfhundertste Österreicherin ist potenzielle Trägerin der Mutationen der Brustkrebs-Gene BRCA1 und BRCA2. Mutationen in den beiden Brustkrebsgenen bringen eine ausgesprochen hohe Gefährdung mit sich. Betroffene Frauen haben laut internationalen Studien ein 50-prozentiges Risiko, bis zum 50. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken, Nicht-Trägerinnen solcher Mutationen eines von zwei Prozent. Bis zum 70. Lebensjahr erhöhen sich diese Prozentsätze auf ein Erkrankungsrisiko von 87 im Vergleich zu acht Prozent. Bei Eierstockkrebs sind es bis zum 70. Lebensjahr 44 Prozent (Mutationsträgerinnen) zu weniger als ein Prozent. Kommenden Mittwoch, 26. Juni, informiert die Österreichische Gesellschaft für Senologie zu diesem Thema in Wien bei einer Pressekonferenz. (APA, red, dieStandard.at, 21.6.2013)

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