Große internationale Unterschiede beim Einsatz von Kniegelenksprothesen

21. Juni 2013, 08:00
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Künstliche Kniegelenke werden in den einzelnen Ländern in unterschiedlicher Fallzahl und OP-Technik eingesetzt

Istanbul – "Nicht nur die Rate der Knieprothesen-Einsätze pro Einwohner unterscheidet sich von Land zu Land, sondern auch die Art der Eingriffe", fasste Patrick Sadoghi von der Grazer Universitätsklinik für Orthopädie und orthopädische Chirurgie beim 14. Kongress der Europäischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (EFORT) in Istanbul die Daten einer internationalen Vergleichsstudie zusammen.

Das Knie ist als größtes Gelenk des Menschen besonders häufig von Arthrose betroffen. Der Knorpelverschleiß infolge von Altersabnützung, Fehlbelastungen, Verletzungen oder anderen Ursachen schreitet bei dieser schmerzhaften Erkrankung voran und kann nach Ausschöpfen nicht operativer Therapiemaßnahmen nicht mehr repariert werden. Haben gelenkerhaltende Maßnahmen versagt, müssen die beschädigten Gelenkanteile durch eine Knieprothese ersetzt werden, wobei der Chirurg je nach Befund entweder einen teilweisen oder kompletten Oberflächenersatz vornimmt. #

Die Funktionsdauer des Implantats wird in Nachkontrollen überprüft, um dabei etwa zu erkennen, wann ein Prothesenwechsel  notwendig ist. Zur Qualitätssicherung und um die Leistungsfähigkeit der Implantate zu bestimmen, wurden in vielen Ländern nationale Endoprothesen-Register eingerichtet. Deren Aufgabe ist es, Daten über die implantierten Prothesen – etwa Marke und Modell des Implantats und des Knochenzements – sowie die Folgeeingriffe zu sammeln.

40 bis 163 Eingriffe

Für die in Istanbul präsentierte Auswertung haben die Forscher Daten elf relevanter Länder- oder Regionalregister ausgewertet, die sowohl über die Eingriffs- und Austauschraten von Knieprothesen als auch über das Alter der Patienten Auskunft geben.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind groß, was die jährliche Zahl der erstmals gesetzten Knieprothesen betrifft, zeigt der Vergleich. "Die Rate variiert zwischen 40 und 163 Eingriffen pro 100.000 Einwohner, wobei der Durchschnitt bei 106 lag", erklärte Studienautor Sadoghi. In Relation am häufigsten unter den Vergleichsländern kommt die totale Knieprothese demnach in England, Dänemark, Norwegen und Schweden zum Einsatz, am seltensten in Neuseeland, Australien und Kanada.

Auch die Art der Fixierung der Prothesen weist deutliche Schwankungen auf: So werden etwa in Neuseeland 90 Prozent der künstlichen Kniegelenke vollständig mit Zement befestigt, während es in Australien nur 54 Prozent sind. Blickt man auf die Form des Oberflächenersatzes der Kniescheiben, ist die Variation noch stärker: In Dänemark kommt bei 72 Prozent aller Knietotalendoprothesen ein Patellarückflächenersatz zum Einsatz, der den Knorpel der Kniescheibe ersetzt - in Norwegen nur bei zwei Prozent.

Ökonomie und Demographie

Als Begründung für die teils großen Unterschiede führen die Wissenschaftler unter anderem nationale Voraussetzungen an. "Einerseits gleicht kein Gesundheitssystem dem anderen, andererseits dürften auch der Versicherungsstatus der Betroffenen und landestypische Neigungen der behandelnden Ärzte einen Einfluss haben", sagte Sadoghi. Hinweise für die Qualität eines Gesundheitswesens könne man aus der OP-Häufigkeit nicht ablesen, schließlich sei der medizinische Spielraum bei Kniearthrosen groß, wodurch alternative Behandlungsoptionen lange ausgeschöpft werden können, bis eine Operation unumgänglich ist. "Endoprothetik ist sehr kostenintensiv, was ihren Einsatz nicht zuletzt zur Frage der Finanzierung macht", so der Experte.

Auch die Demografie dürfte bei der großen Bandbreite der Ergebnisse eine Rolle spielen. "Sowohl der Leidensdruck als auch die Lebenserwartung und selbst die Ansprüche an das eigene Bewegungssystem unterscheiden sich von Land zu Land." sagt Sadoghi. Er bezeichnet auch die jeweilige Altersverteilung als wichtigen Faktor. Diese kann die finanzielle Mehrbelastung derart steigen lassen, dass die Indikation zum operativen Eingriff anders – und bei knappen Ressourcen durchaus restriktiver – gestellt wird. (red, derStandard.at, 21.6.2013)

 

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