Sterbehilfe: Auf der Warteliste für den Tod

21. Juni 2013, 05:30
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Nirgendwo wird Sterbehilfe gesetzlich so liberal gehandhabt wie in den Niederlanden. Weil nur wenig Ärzte tatsächlich dazu bereit sind, sind ambulante Sterbehilfeteams im Einsatz. Die Wartezeit beträgt derzeit ein halbes Jahr

Ans Dekker wollte mit einem klaren Kopf sterben. "Natürlich würde ich lieber bei meinen Kindern und Enkelkindern bleiben", seufzte die alte Dame, den Tränen nahe. Aber, meinte sie und fasste sich mit der Hand an den Kopf: "Das Durcheinander hier oben wird immer größer, so geht es nicht weiter."

Leben wie eine Treibhauspflanze

Die 89 Jahre alte Niederländerin litt an Alzheimer. Die Krankheit fraß Lücken in ihr Gedächtnis, immer schneller, immer größere. Ihr Sohn Bert besuchte sie regelmäßig im Pflegeheim: "In ein paar Monaten kann sie nicht mehr sagen, dass sie sterben will", bemerkte er im Herbst 2012. "Dann lebt sie vielleicht noch zehn Jahre, aber wie eine Treibhauspflanze, die den ganzen Tag in ihrem Stuhl sitzt." Das wolle er seiner Mutter nicht zumuten.

Aber kein Arzt war bereit, Sterbehilfe zu leisten. Und das, obwohl alle gesetzlichen Kriterien erfüllt waren - auch Alzheimer gilt in den Niederlanden als unheilbare Krankheit, die Menschen ohne Aussicht auf Genesung unerträglich leiden lässt.

Lebensende-Klinik in Den Haag

Doch dann hörten die Dekkers von der neuen Lebensende-Klinik in Den Haag, der "Levenseindekliniek". Sie wurde im März 2012 gegründet - als Alternative für Patienten, die - so wie Ans Dekker - keinen Arzt finden, der ihnen beim Sterben helfen will.

30 ambulante Sterbehilfeteams aus Ärzten und Krankenschwestern reisen im Auftrag der Klinik durchs ganze Land und leisten Sterbehilfe, meistens bei den Patienten zu Hause. "Wir machen da weiter, wo einige unserer Kollegen aufhören", sagt Hausärztin Constance de Vries, die einem der Sterbehilfeteams angehört.

Sie prüfen jeden Fall erneut gemäß der gesetzlichen Richtlinien: Der Patient muss unerträglich und ohne Aussicht auf Genesung leiden und, ganz wichtig, den Wunsch nach Sterbehilfe selbst mehrfach ausdrücklich geäußert haben. Außerdem hat der behandelnde Arzt mindestens einen unabhängigen Kollegen zurate zu ziehen und muss den Fall bei einer der fünf Prüfkommissionen melden: Sie kontrollieren, ob er sorgfältig gehandelt hat und ob die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden muss oder nicht.

Internationaler Alleingang

Mit diesen Richtlinien hatten die Niederländer 2001 nach einer fast 30 Jahre langen gesellschaftlichen Debatte den internationalen Alleingang gewagt. "Nichts soll heimlich geschehen müssen, dann wird es unkontrollierbar", erklärt Petra de Jong von der "Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende" (NVVE), die auch die Lebensende-Klinik initiiert haben.

Insgesamt geht es in den Niederlanden in rund drei Prozent aller Todesfälle um Sterbehilfe: 2011 waren es 3695 Menschen. Sie lassen sich entweder eine tödliche Spritze geben oder ein tödliches Getränk verabreichen, das sie selbst zu sich nehmen. Bislang ist noch kein Arzt strafrechtlich verfolgt worden.

85 Prozent für Sterbehilfe

Von den Bürgern stehen mehr als 85 Prozent hinter der Regelung. Die Kirchen sind nach wie vor dagegen, 17 Prozent aller niederländischen Ärzte lehnen Sterbehilfe ab. Einigen ist die emotionale Belastung zu groß, andere trauen sich nicht, weil sie die gesetzliche Lage nicht genau kennen und strafrechtliche Folgen fürchten. Das ist vor allem bei Alzheimer- oder Psychiatriepatienten der Fall, daran wagen sich bislang nur ganz wenige Ärzte.

In den meisten Fällen geht es um Krebspatienten im Endstadium. Jede dritte Bitte wird laut NVVE abgelehnt. Diese Patienten können sich nun an die neue Lebensendeklinik wenden. Dort gehen jeden Monat 60 Anmeldungen ein. 190 Menschen stehen auf der Warteliste. Die Zahl der Sterbehilfeteams wurde von 17 auf 30 erhöht, um die Wartezeit von derzeit sechs Monaten zu senken.

Mehr als 700 Anfragen

Insgesamt sind im ersten Jahr  mehr als 700 Anfragen eingegangen. Rund 200 Fälle wurden abgelehnt, dabei ging es zum Beispiel um lebensmüde Patienten.

104 Menschen hingegen durften wie gewünscht sterben. Krebs war eher die Ausnahme, meist ging es um komplexe Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Alzheimer.

Die Prüfkommissionen haben der Klinik bislang Sorgfalt bescheinigt. Kirchen und christliche Parteien fürchten dennoch, dass sie zu leichtfertig Todeswünsche erfüllt. Was Sterbehilfegegner zudem beunruhigt: Es geht um eine neue Kategorie von Patienten mit nicht mehr direkt lebensbedrohlichen Erkrankungen.

Regie über das eigene Leben

Die Familie Dekker hingegen begrüßt es, dass dank der Lebensendeklinik nun auch Patienten wie ihrer Mutter geholfen wird. Ans Dekker starb am 13. Februar 2013 in ihrem Bett im Pflegeheim, im Beisein ihrer Kinder. Festentschlossen ergriff sie den Becher mit dem tödlichen Cocktail und trank ihn aus. "Eigentlich nahm sie dem Arzt den Becher aus der Hand, noch bevor er ihn ihr reichen konnte", erzählt ihr Sohn. "Sie behielt die Regie über ihr Leben - bis ganz zum Schluss." (Kerstin Schweighöfer, DER STANDARD, 21.6.2013)


Wissen: Formen der Sterbehilfe

  • Aktive Sterbehilfe Gezieltes Herbeiführen des Todes auf Wunsch der Person. Nur in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und dem US-Bundesstaat Oregon erlaubt.
  • Indirekte Sterbehilfe Der beschleunigte Tod als Nebenwirkung eines schmerzlindernden Medikaments wird in Kauf genommen.
  • Passive Sterbehilfe Lebensverlängernde, medizinische Maßnahmen werden bewusst unterlassen oder reduziert.
  • Assistierter Suizid Wer ein tödliches Medikament bereitstellt, die Person es sich aber selbst verabreicht, leistet Beihilfe zur Selbsttötung. Ist in Deutschland nicht strafbar, in Österreich mit bis zu fünf Jahren Haft bedroht.

 

  • Der sogenannte Suicide-Kit, eine Art Bausatz für Lebensmüde, wird von dem australischen Arzt und Sterbehilfe-Befürworter Philip Nitschke propagiert. Er war 1997 weltweit der erste Arzt, der einem Patienten mit Todeswunsch legal eine tödliche Injektion verabreichen durfte.
    foto: reuters/stefan wermuth

    Der sogenannte Suicide-Kit, eine Art Bausatz für Lebensmüde, wird von dem australischen Arzt und Sterbehilfe-Befürworter Philip Nitschke propagiert. Er war 1997 weltweit der erste Arzt, der einem Patienten mit Todeswunsch legal eine tödliche Injektion verabreichen durfte.

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