Mordopfer war länger massiver Gewalt ausgesetzt

20. Juni 2013, 15:29
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Opfer hatte sich an Interventionsstelle gewandt - Gewaltschutzexpertin Rosa Logar: "Es reicht nicht, das Opfer zu verstecken"

Wien - Die in Wien-Simmering auf offener Straße erstochene 34 Jahre alte Frau war offenbar fortgesetzter massiver Gewalt durch ihren Ehemann ausgesetzt und hatte sich erstmals im September vergangenen Jahres an die Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie gewandt. Am Donnerstag früh ist die Frau auf dem Weg von einem Frauenhaus zu einer Behörde erstochen worden. Ihr Mann wurde unter Mordverdacht in Untersuchungshaft genommen.

"Die Frau wurde offenbar unter Druck gesetzt und hatte sehr große Angst", sagte Rosa Logar von der Interventionsstelle. Ihr Mann habe als äußerst aggressiv gegolten, darüber hinaus habe es bei ihm Hinweise auf psychische Probleme gegeben, welche die Gefährlichkeit eines Gewalttäters noch erhöhen, sagte die Expertin.

Betretungsverbote für leichte Fälle

Gegen den 53-Jährigen sei zwar ein Betretungsverbot verhängt worden, der Mann habe sich jedoch darüber hinweggesetzt. "Auch das ist ein Indiz für die Gefährlichkeit des Täters", erläuterte Logar. "Dass jemals ein Haftantrag gestellt wurde, kann ich aus unseren Akten allerdings nicht erkennen." Dabei wäre ein solcher nach Einschätzung der Gewaltschutzexpertin sehr wohl vorgelegen. "Es handelte sich offenbar um einen Fall von fortgesetzter Gewaltausübung. Genau dafür wurde im Strafgesetzbuch der Paragraf 107 b geschaffen und so gestaltet, dass man einen Haftgrund hat", erläuterte Logar.

Wegweisungen und Betretungsverbote wirken nach Erfahrung der Expertin zwar in leichten oder "durchschnittlichen" Fällen von Gewalt, nicht aber in Fällen von fortgesetzter massiver Gewalt. "Die Gefährlichkeit eines Täters bleibt bestehen, die verschwindet ja nicht. Es reicht nicht, das Opfer zu verstecken - was ja ohnehin nicht wirkt, wie man heute gesehen hat -, während sich der Täter frei bewegen kann. Da ist nicht zuletzt im Sinn der Prävention auch die Strafjustiz gefordert", erklärte Logar.

Zweierlei Maßstäbe

Der Fall der 34-Jährigen, die neben dem zweijährigen Sohn zwei weitere Kinder hat, die in ihrem Heimatland Mazedonien leben, war laut Interventionsstelle auch Thema bei speziellen Sitzungen der Fachleute, nämlich der sogenannten Multi-Agency Risk Assessment Conference (MARAC). Bei dieser 2003 in Großbritannien entwickelten Methode führen Institutionen, die mit der Prävention von Gewalt in der Familie befasst sind, in regelmäßigen Abständen Fachkonferenzen durch, um gemeinsam effektive Maßnahmen zum Schutz besonders gefährdeter Opfer zu entwickeln und durchzuführen. "Auch deshalb macht uns der Tod der Frau persönlich sehr betroffen", sagte Logar, "die nächste Konferenz ist für heute Nachmittag angesetzt, wir werden sicher noch über den Fall reden."

"Leider ist die Strafjustiz bei den MARACs nicht im Boot", erklärte Logar. "Wir würden sie aber dringend in der Steuerungsgruppe brauchen. Es macht einen Unterschied, ob man einen Fall nur aus den Akten beurteilt oder aus der persönlichen Schilderung kennt." Die Expertin ortet - neben mangelnden personellen Ressourcen bei Staatsanwaltschaften - die Tendenz, bei der Beurteilung von Gewaltdelikten zweierlei Maßstäbe anzulegen: "Wenn ein Spitzenpolitiker bedroht und Gewalt ausgesetzt wäre, würde der Täter sofort in Haft genommen werden. Gewalt in der Familie wird anscheinend eher zugelassen." 

Schritt zur Neuordnung ihres Lebens

Mit der Angst, dem Täter zu begegnen, leben die Bewohnerinnen von Frauenhäusern permanent. "Das ist sozusagen Usus bei uns", sagte Susanne Deutsch, stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser, der an vier Standorten Unterkünfte für 174 Personen bietet.

Der Weg zur Behörde wäre für die gebürtige Mazedonierin ein Schritt zur Neuordnung ihres Lebens ohne Ehemann gewesen. Wie der mutmaßliche Täter den Aufenthaltsort seiner Frau herausgefunden hat, war zunächst noch nicht bekannt. Die Standorte der Frauenhäuser werden grundsätzlich nicht publik gemacht, "aber es gibt Möglichkeiten, eine Adresse herauszufinden, wenn jemand das wirklich will", schränkte Deutsch ein, "sei es, dass eine Adresse irgendwo zufällig genannt wird oder ein Mann seiner Frau auflauert, wenn sie das Kind aus der Schule oder dem Kindergarten abholt und ihr dann nachgeht."

Innerhalb der Frauenhäuser gebe es sehr gute Sicherheitsvorkehrungen, "auf das, was draußen passiert, haben wir leider kaum Einfluss. Wir geben den Frauen zwar Tipps, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen. Aber wir sind kein Gefängnis und jede Frau kann sich frei bewegen", sagte die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins, dessen Häuser voll belegt singt. Eine Tendenz zu mehr Gewalt liest Deutsch daraus nicht ab. Eher sei es so, dass immer mehr Gewaltopfer Anzeigen erstatten und sich an Schutzeinrichtungen wenden. (APA, 20.6.2013)

  • Mit der Angst, dem Täter zu begegnen, leben die Bewohnerinnen von Frauenhäusern permanent.
    foto: diestandard.at

    Mit der Angst, dem Täter zu begegnen, leben die Bewohnerinnen von Frauenhäusern permanent.

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