Pazifikentdecker: Jö schau - ein Weltmeer!

20. Juni 2013, 17:00
5 Postings

Vor 500 Jahren fand endlich auch ein Europäer den Pazifik. Spanien feiert Vasco Núñez de Balboa, einen arbeitslosen Ritter aus der Extremadura

Drei Schicksalsschläge und ein Glücksfall brachten Vasco Núñez de Balboa eigentlich recht flott auf das Podest der Glorreichen. Grob gerechnet brauchte er zwölf Jahre, um vom verarmten Provinzadeligen zum Entdecker eines Weltmeeres zu werden. Genau gerechnet legte er den Weg zum Ruhm in gut drei Wochen zurück. Sein Leben (1475-1517) ist in den Chroniken der Neuen Welt aus dem 16. Jahrhundert festgehalten, bei Bartolomé de las Casas ebenso wie bei Gonzalo Fernández de Oviedo. Und sie belegen: 1501 kam dieser Balboa aus dem spanischen Jérez de los Caballeros in die Karibik, und 1513 erblickte er als erster Europäer den Pazifik.

Balboa durchquerte dafür Panama von Osten nach Westen. Am 1. September 1513 machte er sich mit rund 200 Männern auf den Weg, und bereits am 25. September sah er von einem Gipfel das "Große Meer", wie die Indios den Pazifik nannten. Vier Tage später stand er mit Helm, Schwert und Flagge bis zu den Wadeln im Seichten - will man einer Lithografie aus dem 19. Jahrhundert glauben. Im Hintergrund stehen Eingeborene mit vor der Brust verschränkten Armen und schauen zu.

Interessanterweise wird Balboas Name bis heute selten mit Blutrünstigkeit und Goldgier assoziiert. Er war kein Hernán Cortés, kein Francisco Pizarro. Und doch war er ein Kind seiner Zeit: Konflikte wurden mit Waffen ausgetragen, Eingeborene nicht als Menschen behandelt. Er wollte dasselbe wie die meisten Menschen im Mittelalter: Ruhm, Macht und Gold, viel Gold. Mit einigen Indios soll er sogar paktiert haben, anstatt sie anzugreifen. Wie hätte er wohl sonst erfahren, dass es ein an Gold und Perlen reiches Meer gab.

Balboas Geburtsort in der Extremadura feiert heuer den 500. Jahrestag des Großereignisses - stolz, aber auch den Umständen gemäß. "Wir haben kein Geld, alle arbeiten ehrenamtlich", sagt etwa Ana Puente vom Tourismusbüro in Jérez de los Caballeros. Eine 15-köpfige Bürgerkommission organisiert Vorträge und Kulturreisen, tut, was sie kann, um Balboa wieder aus der Versenkung zu holen: Eine Straße, ein Restaurant, ein Platz und der größte Arbeitgeber im Ort, eine Eisenhütte, tragen hier den Namen des Entdeckers. Im Geburtshaus wird sein Leben erzählt und das der Stadt gleich dazu. Im Jubeljahr sollen das Bewusstsein für die eigene Geschichte und das Interesse an Lateinamerika wachsen.

Altes Taufbecken, neues Seniorenzentrum

Eine Delegation aus Panama hat den Ort mittlerweile ebenfalls besucht und die Restaurierung von Balboas Taufbecken finanziert. Die Granitschale hatte jahrhundertelang im Hinterhof der Kirche San Bartolomé gelegen. Eine Statue am Ortsrand zeigt einen muskulösen Mann, dessen Blick in die Ferne schweift. Zu seinen Füßen zeugen eine Bar, ein Fleischhauer und ein Seniorenzentrum vom Alltag 500 Jahre später: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich seit 2008 verdoppelt. Viele stehen an diesem Vormittag in der Bar, die Fleischverkäuferin lehnt am Türrahmen und die Pensionisten werden mit Dumpingpreisen gelockt: "Erfrischungsgetränk ein Euro", steht auf einer Tafel.

Auch die spanische Regierung hat das Jahr 2013 zum Año Balboa erklärt, bislang aber kein Programm vorgestellt. Und die südwestspanische Region Extremadura reaktivierte unter anderem die alte Tourismusroute der Entdecker, die durch neun weitere Städte führt, um vom Ruhm anderer spanischer Abenteurer zu berichten. Bis heute erschwert die Gewalt der Spanier bei der 300 Jahre dauernden Eroberung Lateinamerikas allerdings den komplexfreien Umgang mit der eigenen Geschichte.

Balboas Leistung wird heuer dennoch immer wieder gerne mit jener von Neil Armstrong verglichen. Auch sein kleiner Schritt habe einen großen Sprung für die Menschheit bedeutet. "Er öffnete uns die Tür zur Welt", meint etwa der Historiker José Márquez. Kolumbus habe Amerika entdeckt, Balboa quasi den Rest, der noch fehlte. Beide Feststellungen haben für Spanier natürlich so ihre historischen zu vernachlässigenden Ungenauigkeiten. Was man demnach auch erwähnen sollte: José Márquez ist in demselben Städtchen wie Balboa geboren.

Spanier, die auf den Süden starrten

Heute leben dort - rund 150 Kilometer nördlich von Sevilla - 10.000 Menschen, also nicht viel mehr als damals. Jérez de los Caballeros ist von Stadtmauern umgeben, hat vier Kirchen, 24 Klöster und viele Einsiedeleien. Es liegt tief im Landesinneren, umgeben von eichenbestandenem Weideland. In der Nähe fließt der Ardila, der sich weiter südlich mit dem Guadiana vereint und im Golf von Cádiz in den Atlantik mündet. Dort stachen viele der spanischen Entdecker in See. "Wir haben immer nach Süden geblickt", antwortet der 64-jährige Márquez auf die Frage, warum so viele Männer aus dem oft trockenen Hügelland das Abenteuer ausgerechnet auf dem Meer und dann in Amerika gesucht haben. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Im selben Jahr, in dem Kolumbus die Neue Welt erreichte, wurden in Granada die letzten Mauren besiegt. Die Schicht der Ritter wurde dadurch arbeitslos. Und damit sind wir auch schon bei Balboas persönlichen Schicksalsschlägen.

Der erste: Seine Familie gehörte just zu diesem Ritterstand mit abhandengekommenem Feindbild. Im 15. Jahrhundert war Jérez noch unsicheres Grenzland, in dem vor allem die Portugiesen plünderten und brandschatzten. Und die Zeit, als der Templerorden die Stadt beschützte, lag noch länger zurück. Geblieben seien nur deren Werte, glaubt Márquez. Sie hätten Balboa geprägt.

Wie sein Vater stand auch der junge Balboa im Dienst des Adeligen Pedro Portocarrero, der die Familie mit in die andalusische Handelsstadt Moguer nahm, weil dort bereits das Geschäft mit den Kolonien blühte. Fantastische Geschichten kamen dem 25-jährigen Balboa dort zu Ohren, während er Waffen polierte, Pferde striegelte - und schließlich nur noch weg wollte. 1501 schaffte er den Absprung.

Die Insel Hispaniola war damals erste Anlaufstelle der Schiffe aus Spanien. Auch Balboa bekam dort ein Stück Land und Indios als Arbeiter zugeteilt, aber bereits wenig später seinen zweiten Schicksalsschlag verpasst: Der Ritter ohne Auftrag hatte keine Ahnung von der Schweinezucht und vom Landbau. Er scheiterte als Siedler und stellte sich 1510 die Sinnfrage: Warum so weit fahren, um dann eh nur gewöhnlicher Arbeit nachzugehen?

Hoch verschuldet flüchtete er schließlich als blinder Passagier auf einem Schiff, das eine spanische Kolonie im heutigen Panama versorgen sollte. Er wurde entdeckt, aber nicht über Bord geworfen; wegen seiner "Wohlgestalt, den kräftigen Gliedern, seiner freundlichen Art und seiner Eignung für schwere Arbeit", wie es Bartolomé de las Casas in den Chroniken der Neuen Welt formulierte. Das war wohl sein Glück. Oder halt doch seine Bestimmung. "Vasco Núñez de Balboa, zum Entdecker geboren", steht im Geburtshaus in Jérez de los Caballeros.

Nach dem epischen Ereignis am Strand erreichte sein Name schließlich den spanischen König. Der machte ihn sogar noch zum Gouverneur der "Südsee" und zweier Provinzen. Doch dann kam Pedrarias Dávila - Balboas dritter und letzter Schicksalsschlag: Dávila sollte sich neben dem durchaus populären Balboa als neuer Gouverneur etablieren, die Machtkämpfe führten zum Verrat. Der Intrigant ging als Bösewicht in die Geschichte ein, weil er Balboa der Verschwörung bezichtigte und kurzerhand köpfen ließ. Chronist Gonzalo Fernández de Oviedo reiste nach Spanien und überbrachte dem König die Nachricht: Der Spanier, der als Erster den Pazifik sah, war tot und die Legende für ein schlichtes Haus in der Einschicht der Extremadura geboren. (Brigitte Kramer, DER STANDARD, Rondo, 21.6.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt vom spanischen Tourismusbüro in Berlin und dem Fremdenverkehrsamt der Region Extremadura.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Kein Aquarium für Vasco Núñez de Balboa: In die Schönheit des Pazifiks tauchte der spanische Entdecker wohl nie ein.

  • Jerez de los Caballeros ist seit mehr als 500 Jahren ein Idyll. Für Vasco Núñez de Balboa war's zu idyllisch - er verließ die Extremadura recht bald.
    foto: oficina de turismo jerez de los caballeros

    Jerez de los Caballeros ist seit mehr als 500 Jahren ein Idyll. Für Vasco Núñez de Balboa war's zu idyllisch - er verließ die Extremadura recht bald.

  • Anreise & Unterkunft 
Flug von Wien nach Sevilla zum Beispiel mit Iberia oder Air Berlin; am besten mit dem Mietauto in rund zwei Stunden weiter nach Jerez de los Caballeros.
Unterkunft: Hotel Los Templarios, DZ mit Frühstück ab 55 Euro. Weitere Infos: www.spain.info
    grafik: der standard

    Anreise & Unterkunft

    Flug von Wien nach Sevilla zum Beispiel mit Iberia oder Air Berlin; am besten mit dem Mietauto in rund zwei Stunden weiter nach Jerez de los Caballeros.

    Unterkunft: Hotel Los Templarios, DZ mit Frühstück ab 55 Euro. Weitere Infos: www.spain.info

Share if you care.