Desaströse Großveranstaltungen

Blog19. Juni 2013, 23:21
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Wirtschaftlich schwache Staaten werden durch Olympia und Fußball-Weltmeisterschaften noch schwächer

Die Massenproteste gegen die finanziellen Auswirkungen der kommenden Fußball-WM in Brasilien sind ein Warnsignal für alle Staaten, die aus Prestigegründen nach solchen sportlichen Großereignissen streben: Die Milliarden, die große Fußballturniere und - noch mehr - Olympische Sommerspiele kosten, zahlen sich in den seltensten Fällen aus.

Vor allem in wirtschaftlich schwachen Ländern ist es wahrscheinlich, dass vom Sportfest am Ende nur sinnlose Einrichtungen und hohe Schulden übrig bleiben.

Argumentiert wird bei der Bewerbung für Olympia und Co meist mit der Umweg-Rentabilität: Die Investitionen würden sich rentieren, weil die verbesserte Infrastruktur - Flughäfen, U-Bahnen, Straßen - der Wirtschaft langfristig nütze und der Tourismus angekurbelt werde.

Aber dagegen spricht das so wichtige ökonomische Konzept der Opportunitätskosten: Hätte das Geld anderswo besser eingesetzt werden können? Und hätte man vielleicht mit anderen, billigeren Mitteln den gleichen Effekt erzielen können?

In Wien haben sich einst viele beklagt, dass sich die Wähler 1990 gegen die Weltausstellung ausgesprochen haben. Damals hätte durch das Großereignis die Platte vor der UNO-City entwickelt werden sollten. Das ist am Ende geschehen - zwar weniger schnell als damals erhofft. Aber heute hat Wien seine Donau City ohne die Kosten der Weltausstellung.

Ein Blick auf sportliche Großereignisse des letzten Jahrzehnts ergibt eine durchwachsene wirtschaftliche Bilanz: Die Olympischen Sommerspiele in Athen 2004 waren ein finanzielles Desaster und haben zum späteren Finanzkollaps viel beigetragen. China konnte sich die noch teureren Spiele in Peking 2008 zwar leisten, aber gebracht haben sie wenig. London hat 2012 möglicherweise mehr profitiert, weil aufgrund der Spiele ein heruntergekommener Stadtteil saniert wurde. Aber auch das war ein kostspieliger Umweg zu diesem Ziel.

Ob sich die Fußball-WM 2010 für Südafrika ausgezahlt hat, bleibt dahingestellt. Der Wirtschaft geht es seither schlechter denn vorher, und der Prestigegewinn wird durch die politischen Probleme und die wachsende Ungleichheit wieder zunichtegemacht.

Auch bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine ist es ungewiss, ob der Bau neuer Fußballstadien und etwas Infrastruktur den beiden Ländern viel gebracht hat. In all diesen Ländern hat der plötzliche Bauboom auch die Korruption oder zumindest die Ineffizienz gefördert.

Für Österreich ist die Bilanz übrigens recht eindeutig: Abgesehen von der Chance, endlich einmal bei einer Euromeisterschaft mitspielen zu dürfen, blieb hierzulande eigentlich nur ein überdimensioniertes Stadion in Klagenfurt zurück, das Kärntens massive Finanzprobleme noch verschlimmert hat.

Kurz gesagt: Reiche Länder können sich den Luxus leisten, auch wenn es ihnen nichts bringt. Für ärmere Staaten sind sportliche Großereignisse gefährliche wirtschaftliche und politische Spiele, die wie jetzt in Brasilien massive Unruhen auslösen können.

Deshalb werden immer mehr solcher Ereignisse in ölreichen Diktaturen abgehalten werden, wo sich Herrscher nicht um die Meinung des Volkes kümmern müssen. Russland (Winterspiele in Sotschi 2014 und Fußball-WM 2018) und Katar (Fußball-WM 2022) passen gut in dieses Bild.

In Brasilien allerdings gibt es schon jetzt genügend Menschen, die es bereuen, dass ihr Land in einem Anflug von Größenwahn gleich zwei solche milliardenteure Mega-Events - WM 2014 und Sommerspiele 2016 - an Land gezogen hat. Und erstmals beginnt der Katzenjammer schon vor dem Anpfiff. (Eric Frey, derStandard.at, 19.6.2013)

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