"Schöne Grüße aus ..."

20. Juni 2013, 05:30
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Ansichtskarten haben viel mehr zu bieten als schöne Grüße. Sie erzählen Geschichte und Geschichten

"Das Wetter ist schön, das Essen gut, jeden Tag gehen wir schwimmen ... Schöne Grüße aus ...." Früher gehörte es zu des Urlaubers selbstauferlegter Pflicht, vom Ferienort kitschige Ansichtskarten mit belanglosen bis launigen Worten an die Daheimgebliebenen zu schicken. Heute wird mit dem Smartphone ein Foto geschossen, ein "hi, schau mal, wo wir gerade sind" hinzugefügt, und ab geht sie, die elektronische Urlaubspost. Oder man stellt das Bild gleich auf Facebook, auf dass die lieben Freunde hoffentlich neidische Kommentare abgeben.

Und doch: So eine "echte" Ansichtskarte - kaum jemand der sich im Internetzeitalter nicht freut, sie in seinem Briefkasten zu finden. Kurt Harl hat zwar auch viele Freunde, doch die 150.000 Karten, die er sein Eigen nennt, sind überwiegend das Ergebnis seiner Sammelleidenschaft. Für ihn sind die schönen Aus- und Ansichten reisende Zeitzeugen, die als historische und kunsthistorische Belege wertvolle Dienste leisten.

Flohmärkte und Tauschveranstaltungen

Seit 1962 durchstöbert er Wiener Flohmärkte und Antiquitätengeschäfte oder besucht Tauschveranstaltungen. Seit vielen Jahren steht der pensionierte Außendienstler dem Ansichtskarten- und Briefmarkensammlerverein Meteor vor. Der Verein zählt mehr als 850 Mitglieder, die sich dem Bewahren von Ansichtskarten, Briefmarken, Kofferaufklebern Telefonkarten bis hin zu Kaffeerahmdeckeln verschrieben haben.

Schon 100 Jahre vor ihnen waren Menschen rund um den Globus von den oft bunt bedruckten Mitteilungskarten entzückt. Die Jahre von 1897 bis 1918 gelten als "Goldenes Zeitalter der Ansichtskarte", brachten sie doch in einer Zeit, in der die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, die weite Welt ins traute Heim.

Sehenswürdigkeiten von nah und fern, politische und gesellschaftliche Ereignisse, Heiteres und Propagandistisches konnte durch sie für wenig Geld unter die Leute gebracht werden. Der knapp bemessene Platz für Nachrichten ersparte zudem das mühevolle Vollschreiben eines Briefbogens. Ein Mittel für Kurzkommunikation also - und damit quasi ein Vorläufer der heutigen Kurznachrichtendienste.

Wer hat's erfunden? Tu felix Austria. Auch wenn sie die Idee letztlich dem Generalpostmeister des Norddeutschen Bundes, Heinrich von Stephan, schuldete: Am 1. Oktober 1869 führte die österreichische Post die von Nationalökonom Emanuel Herrmann entwickelte "Correspondenzkarte" ein.

Weltpostvertrag

Zwar war zunächst die Empörung über die offene und daher "unanständige" Mitteilungsform groß, doch die Karte kostete nur zwei Kreuzer (im Unterschied zu fünf für den Brief) und verkaufte sich bereits im ersten Monat 1,4 Millionen Mal. Ab 1870 wurde sie auch in anderen Ländern eingeführt. Ab 1878 war die Postkarte durch den Weltpostvertrag global ein Begriff.

Ursprünglich waren Postkarten nur für rein schriftliche Korrespondenz ohne Illustration vorgesehen. Schnell erkannten die Postbehörden, dass sich mit hübsch gestalteten Ansichts- und Glückwunschkarten ein noch fetteres Körberlgeld verdienen ließ und erlaubten es Lithografen rasch, Motivpostkarten aller Art herzustellen. Neue Drucktechniken und die Verbreitung der Fotografie trugen weiter dazu bei, dass sie sich zum Massenphänomen entwickelten.

"Das Schöne am Ansichtskartensammeln ist zugleich der Nachteil: Man kann schier unendlich viele Motive sammeln", sagt Experte Harl: von Topografischem wie berühmten Gebäuden, Straßen, Stadtansichten, Landschaften, Bergen, Seen über Festivitäten und Kunstreproduktionen bis hin zu Themen wie Tieren, Technik, Tennisplätzen. Letztere gehören zu Harls Spezialgebieten. Mehr als 3000 verschiedene Karten der roten oder grünen Spielfelder seien weltweit verlegt worden, erzählt er. Seine besondere Aufmerksamkeit gebührt aber Mozart. 650 Stück besitze er schon, vieles davon doppelt, doch der geübte Sammler weiß: Das richtige Tauschmaterial kann manchmal der Schlüssel zu einem schon länger gewünschten Objekt sein; und dann hat es sich gelohnt, sie aufzuheben.

Geschichte hinter Ansichten

Apropos. Ob sich das Sammeln der dekorativen Karten lohnt? "Man steckt wahrscheinlich mehr rein, als man rauskriegt", sinniert Harl. Für viele Sammler bestehe der Reiz oft darin, alte Ansichten von Orten zu besitzen, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben. Im Vordergrund stehe für sie das Interesse für die Geschichte hinter den Ansichten. Das wüssten teilweise auch die Händler für sich zu nutzen. Wenn ein Sankt- Pölten-Sammler zum Beispiel auf eine Karte stoße, die er noch nicht kennt, dann wisse der Trödler, dass er im Grunde Fantasiepreise verlangen könne.

Spitzenpreise erzielen Karten mit limitierter Auflage wie jene der Wiener Werkstätte, die ab 1908 herausgegeben wurden. "Da gab es 1000 mit gelber und grüner Umrandung, lauter verschiedene Motive, 400 mit schwarzer Umrandung auf der Schriftseite, kein Sammler hat sie komplett" , weiß Sachkenner Harl zu berichten. Je nach Künstler werden hierfür auf Auktionen mitunter mehr als 1000 Euro gezahlt.

Ein interessantes Sammelgebiet sei auch der Boxeraufstand in China 1900 oder die Burenkriege in Südafrika 1899 bis 1902. Ebenfalls nachgefragt seien exotische Länder wie Nordkorea, Kasachstan oder Albanien. Denn: " Wer fährt da schon hin?", bemerkt Sammler Harl lakonisch.

Ein wichtiges "Altersmerkmal" für Sammlerneulinge ist übrigens die Adressseite. Bis 1905 war diese rein für Briefmarke, Poststempel und Adresse reserviert. Mitteilungen durften nur auf der Bildseite geschrieben werden.

Aufheben oder nicht? Ansichtskarten stellen vielleicht nur begrenzt einen Vermögenswert dar. Sie können aber den Horizont erweitern und mit der Geschichte und den Geschichten, die sie erzählen, Auge und Geist bereichern. Schöne Grüße! (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 20.6.2013)

  • Reisende Zeitzeugen: hübsch anzusehen, billiger und schneller vollgeschrieben als ein Brief.
    foto: auktionshaus weissenböck

    Reisende Zeitzeugen: hübsch anzusehen, billiger und schneller vollgeschrieben als ein Brief.

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    foto: auktionshaus weissenböck
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