Neue Wasserkraft nach Katastrophe in Kraftwerk mit 75 Toten

20. Juni 2013, 10:42
30 Postings

2009 wurde in Sajano-Schuschenskoje eine Turbine aus der Verankerung gerissen - Jetzt sind die Schäden beseitigt, und die letzte Turbine wird erneuert

Am Anfang waren der Fluss und die Berge. Seit Millionen Jahren gräbt der Jenissej sein Bett in das Sajany-Gebirge. Hier, unweit der Grenze zur Mongolei, ist Sibiriens wasserreichster Strom noch kaum 500 Meter breit, dafür fließt er in der Schlucht mit hoher Geschwindigkeit. Menschen kamen erst spät in die Gegend. Im 18. Jahrhundert gab es ein Kupferbergwerk. Dann tauchten Verbannte in der Region auf; zunächst unter dem Zaren ein gewisser Wladimir Iljitsch Lenin, später unter den Bolschewiki Ukrainer und Deutsche.

In den 1950er-Jahren entschied der Kreml, das Potenzial des Flusses auszuschöpfen. Die sowjetische Rüstungs- und Schwerindustrie brauchte Aluminium und für die Produktion billigen Strom in großen Mengen – und so begannen die Planungen für den Stausee Sajano-Schuschenskoje. 1968 starteten die Bauarbeiten an dem gigantischen Projekt.

Höher als der Hoover-Damm

Mit einer Höhe von 242 Metern sind die Staumauern des Wasserkraftwerks Sajano-Schuschenskoje um 20 Meter höher als der Hoover-Damm. 9,1 Millionen Kubikmeter Beton wurden benötigt – mit der Menge könnte man eine Straße von Wladiwostok nach St. Petersburg verlegen. Ganze Wälder wurden geflutet; drei Millionen Kubikmeter Holz. Auf 320 Kilometer Länge und bis über zehn Kilometer Breite erstreckt sich der Stausee, der laut Meteorologen Winter und Sommer in der Region milder stimmt. Im Jänner wird es mit bis zu Minus 40 Grad freilich immer noch eisig.

Tausende Arbeiter aus ganz Russland zogen in die Gegend, um mitzuarbeiten. Heute zählt die parallel zum Kraftwerk aufgebaute Siedlung Tscherjomuschki rund 10.000 Einwohner, die flussabwärts gelegene Stadt Sajanogorsk, die dem Betrieb der grauen Aluminiumzechen (sie gehören heute dem Oligarchen Oleg Deripaska) dient, sogar 50.000 Einwohner.

21,8 Terawattstunden Strom

In die Zechen fließt der Großteil des Stroms, den das Kraftwerk generiert. "2012 produzierte Sajano-Schuschenskoje 21,8 Terawattstunden Strom", sagt der stellvertretende Chefingenieur der Station Dmitri Rybalko. Mit einer Kapazität von 6400 MW gehört es zu den Top Ten der Wasserkraftwerke weltweit – und doch hat Sajano-Schuschenskoje nicht als Sieg menschlicher Ingenieurskunst Schlagzeilen gemacht, sondern als Symbol für Fahrlässigkeit und den Verfall der Sowjetindustrie.

Am 17. August 2009 genau um 08.13 Uhr Ortszeit kam es zur Katastrophe: Der monotone Lärm der Maschinen schwoll plötzlich an und entlud sich in einem ohrenbetäubenden Knall. Laut Untersuchungsbericht hatten die alten Turbinen das stete Hoch- und Runterfahren nicht mehr mitgemacht. Die ständige Vibration hatte die Halterungen gelöst, am Ende riss das Wasser eine Turbine aus der Halterung. 75 Kraftwerksmitarbeiter kamen ums Leben, der Maschinensaal wurde völlig zerstört. Glücklicherweise hielt der Damm; die große Überflutung blieb aus. Die ökologischen Folgen waren trotzdem verheerend: Ein 130 Kilometer langer Ölteppich auf dem Jenissej rief ein gewaltiges Fischsterben hervor, ehe er beseitigt wurde.

Verantwortliche vor Gericht

Nun beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen. Sieben leitende Mitarbeiter stehen wegen Fahrlässigkeit unter Anklage. Am Kraftwerk selbst wurde ein zusätzlicher Wasserablauf in Betrieb genommen, um die Sicherheit zu erhöhen. Die Folgen des Unglücks sind zudem fast behoben. Der Maschinenraum ist instand gesetzt. "Alle zerstörten Aggregate wurden schon ausgewechselt, auch der Wechsel der reparierten Turbinen ist fast abgeschlossen", sagt Rybalko. Noch im Juni soll eine der letzten neuen Turbinen in Betrieb genommen werden.

Auch die Umwelt des Flusses sei wieder intakt, unweit des zum Komplex zählenden Maina-Stauwerks würden wieder Forellen gezüchtet, berichtet Rybalko. Der Betreiber Rushydro betont, eine Wiederholung des Unglücks sei ausgeschlossen, die Technik nun auf dem neuesten Stand.

Erdbeben bis Stärke 8

Dafür machen andere Befürchtungen die Runde: Erdbeben bis zur Stärke 8 soll das Kraftwerk aushalten; seine Standfestigkeit musste es 2012 bereits unter Beweis stellen. Damals erreichten freilich nur Ausläufer eines Bebens die Region, während laut Geologen in der Gegend auch Beben bis zur Stärke 9 auftreten können.

"Die Sicherheitslage beim Betrieb des Wasserkraftwerks Sajano-Schuschenskoje ist ziemlich alarmierend", zu dem Schluss kommt der Geologe Anatoli Kriwoschejew in seinem Buch Gefährliche Nachbarschaft am Oberen Jenissej. Seismologischen Untersuchungen sei bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, kritisiert er. (André Ballin, DER STANDARD, 20.6.2013)

  • Das Staukraftwerk Sajano-Schuschenskoje ist eines der zehn größten weltweit. 2009 schossen Wassermassen in den Turbinenraum. Infolgedessen führte eine Ölpest zu einem gewaltigen Fischsterben. Nach der Beseitigung der Schäden warnen nun Seismologen.
    foto: der standard/andré ballin

    Das Staukraftwerk Sajano-Schuschenskoje ist eines der zehn größten weltweit. 2009 schossen Wassermassen in den Turbinenraum. Infolgedessen führte eine Ölpest zu einem gewaltigen Fischsterben. Nach der Beseitigung der Schäden warnen nun Seismologen.

Share if you care.