Obama kündigt in Berlin atomare Abrüstung an

19. Juni 2013, 18:34
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Die Aufbruchsstimmung, die 2008 seine große Rede in Berlin kennzeichnete, vermag Barack Obama diesmal den Berlinern nicht zu vermitteln. Der US-Präsident spricht viel vom Frieden und kündigt atomare Abrüstung an

Die ersten Worte, die die Berliner bei diesem Besuch von Barack Obama vernehmen, beziehen sich auf das Wetter. "Ich bin durchaus beeindruckt von den hohen Temperaturen", stöhnt der US-Präsident zu Mittag im Berliner Kanzleramt. Dabei ist dieses noch gut klimatisiert. Aber immerhin hat Obama zu diesem Zeitpunkt schon den Empfang mit militärischen Ehren durch Bundespräsident Joachim Gauck hinter sich.

Und den heißen Höhepunkt seines ersten Berlinbesuchs als US-Präsident noch vor sich: Die Rede vor dem Brandenburger Tor, das wie kein zweites Bauwerk in Deutschland die Trennung und Wiedervereinigung des Landes symbolisiert. Um 15 Uhr, bei mehr als 30 Grad, ist es so weit.

Seit Stunden schwitzen mehr als 4000 geladene Gäste auf dem baum- und schattenlosen, aber nicht überfüllten Pariser Platz. Dieser liegt auf der Ostseite des Tores, es gibt dort deutlich weniger Raum als auf der offenen Westseite. Aber dort wollte Obama nicht reden, sein Stab hatte Angst, dass zu wenig Leute kommen würden, munkelt man in Berlin. Schließlich waren es 2008, am Höhepunkt der "Obamania" noch 200.000 Zuhörer gewesen.

Pfiffe und Buhrufe

Als Obama und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel erscheinen, gibt es zunächst kräftige Pfiffe und Buhrufe. Sie gelten aber dem Dritten im Bunde, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Obama werde ihm wohl "Mr. Wowereit, open this airport" zurufen", witzelt die "Bild"-Zeitung an diesem Obama-Tag auf Seite eins - eine Anspielung auf Ronald Reagan, der 1987 vor dem Brandenburger Tor "Mr. Gorbatschow, open this gate" gerufen hatte.

"Hallo Berlin!", grüßt Obama gut gelaunt und zieht gleich einmal das Sakko aus, was die Stimmung am Platz steigen lässt. Denn er erklärt auch: "Wir können unter Freunden informell sein." Und: "Ich bringe die Freundschaft des amerikanischen Volkes mit."

Der Triumph von 1989

Natürlich kommt Obama auch diesmal nicht um die historische Rolle Berlins herum. Das Schicksal der Stadt könne man in wenige Worte fassen: "Wollen wir frei leben oder in Ketten? Wollen wir in einer offenen Gesellschaft leben oder in einer abgeschotteten?"

Hier in Berlin hätten 1989 "unsere Werte gewonnen, die Offenheit und die Toleranz", sagt Obama. Doch mehr als zwei Jahrzehnte nach diesem "Triumph" müsse man "zugeben, dass sich manchmal Selbstgefälligkeit bemerkbar macht".

Dabei gebe es noch viel Arbeit zu tun. Denn: "Solange Nuklearwaffen existieren, sind wir nicht sicher." Obama kündigt dann an, dass die USA die Zahl ihrer atomaren Sprengköpfe um bis zu einem Drittel reduzieren wollen. Die Sicherheit der USA und der Alliierten könne auch mit weniger Kernwaffen garantiert werden.

Atomwaffengipfel 2016

Die Abrüstung will er mit Russland aushandeln, für 2016 lädt er daher zu einem Atomwaffengipfel ein. "Als Präsident habe ich nun unsere Bemühungen verstärkt, die Verbreitung von Atomwaffen zu vermeiden und die Zahl der amerikanischen Atomwaffen zu reduzieren und ihre Rolle zu verändern", sagt er.

Seine Ankündigung war zuvor schon durchgesickert und so meldet sich Russlands Präsident Wladimir Putin kurz vor Obamas Berliner Auftritt zu Wort und erklärt: "Wir können nicht erlauben, dass das Gleichgewicht des Systems der strategischen Abschreckung gestört oder die Effektivität unserer Atomstreitmacht geschwächt wird." Daher bleibe die Schaffung eines Luft- und Raumabwehrsystems eine Priorität der russischen Militärindustrie.

Merkel spricht Prism an

Doch auch im Gespräch mit Merkel, die Obama mit "Angela" anspricht, gibt es Dissonanzen - als nämlich im Kanzleramt die Rede auf das US- Überwachungsprogramm Prism kommt. Da macht Merkel deutlich, dass sich bei der Überwachung von Daten "immer das Thema der Verhältnismäßigkeit wichtig ist" und man daher mehr Informationsaustausch vereinbart habe.

Obama versichert an dieser Stelle: "Das ist kein Abhörprogramm." Man werde nicht den Mailaustausch von deutschen Bürgern überprüfen. Doch Obama weist auch darauf hin, dass durch die gewonnenen Informationen "Leben gerettet werden" - auch in Deutschland. Von den Berlinern am Tor verabschiedet er sich nach 28 Minuten (auf Deutsch) mit den Worten: "Vielen Dank. Gottes Segen für Sie!" Der Applaus allerdings ist diesmal endenwollend. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 20.6.2013)

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Kommentar von Christoph Prantner: Kein neuer Geist von Berlin

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    US-Präsident Barack Obama spricht im heißen Berlin am Brandenburger Tor. Seine Ehefrau Michelle und die beiden Töchter waren nicht dabei. Sie besichtigten in der Zeit das Mahnmal für die während der NS-Zeit ermordeten Juden und Reste der Berliner Mauer.

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    Obama vor seinem großen Auftritt.

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