Beton statt Sandburgen an Spaniens Stränden

19. Juni 2013, 18:24
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Umweltschützer üben heftige Kritik an der Reform des Küstenschutzgesetzes

20 Meter statt 100: So wird die Bannmeile für Bebauungen und Veranstaltungen zum Schutz der seit den 1960er-Jahren sukzessive mit Hotelburgen, Apartmentblöcken und Ferienhäusern zuzementierten iberischen Küstenabschnitte reduziert. Während die Rechtsregierung unter Premier Mariano Rajoy (Partido Popular, PP) sich selbst beweihräuchert – 125.000 vom Abriss bedrohte Wohnungen in Strandnähe habe man legalisiert – bewahrheiteten sich die Sorgen der Umweltschützer und Meeresforscher.

Auch die sozialistische Opposition befürchtet auf dem Balearenarchipel die "bevorstehende endgültige Privatisierung von Mallorcas Stränden" durch das am 9. Mai bereits mit der absoluten PP-Mehrheit vom Parlament abgesegnete "Gesetz zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Strände". Die Strände der Nachbarinsel Formentera sind ohnehin bereits zu 90 Prozent privat. Zwölf stark touristische Gemeinden, mehrheitlich in Andalusien, Katalonien und Valencia, sind gar gänzlich von der Norm ausgenommen.

Zu nah am Wasser gebaut

Dabei sind Spaniens, zuletzt mit mehr als 630 "Blauen Fahnen" gekürte – der EU-Lorbeer für Sauberkeit und Wasserqualität – Strände nicht nur touristisches Kapital. Meeresbiologin Silvia García warnt wie viele ihrer Kollegen vor dem Verlust einzigartiger Ökosysteme. "Den Küstenschütz derart zu reduzieren, bis die Stadtentwicklung fast das Wasser berührt, ist ein Fehler", sagt García, die sich bei der NGO Oceana engagiert, zum Standard: "Es beweist die Ignoranz des Gesetzgebers gegenüber der Dynamik unserer Küsten." Baut man zu nahe am Wasser, verhindere man die Bildung der für das Verhindern der Erosion unabdingbaren Unterwasserdünengürtel. Das Meer holt sich mehr und mehr Land.

Während die nationalistischen Regionalregierungen Kataloniens und der Kanaren-Inseln Verfassungsklagen gegen die Reform vorbereiten, wurde auf EU-Ebene der sozialistische Europaparlamentarier Andrés Perelló aktiv. Vor der EU-Kommission klagte er an, dass die jüngste Reform zumindest sechs EU-Richtlinien ignoriere: etwa jene zum Schutz
der Habitate wie Küstengewässer und Mündungsgebiete, der Wildvögel oder ökologische Wasserwirtschaft.

"Die wenigen unberührten Strände dürfen nicht zu Spekulationsobjekten werden", sagt Perelló, denn: "Das Gesetz diene einigen wenigen, die sich noch nicht ausreichend am vergangenen Bauboom beteiligt haben." Genau das wittert auch Greenpeace, deren Aktivisten am Parlament ein Transparent platzierten: "Der PP verkauft unsere Küsten". (Jan Marot aus Granada/DER STANDARD, 20.6.2013)

 

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