Der Bachelor als Prediger in der Moschee

19. Juni 2013, 18:17
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Am Theologischen Institut der Uni-Wien kommt ein erweiterter Kurs für Imame

 Wien - In Österreich gibt es an die 300 Imame, sagt der islamische Religionspädagoge Ednan Aslan. Ein Drittel dieser in Österreich tätigen muslimischen Prediger oder geistigen Oberhäupter einer Moscheegemeinde kommen aus der Türkei. Dort haben sie zumeist auch ihre theologische Ausbildung absolviert. Mit politischen Abläufen, gesellschaftlichen Regeln sowie der deutschen Sprache sind viele, trotz ihrer teilweise jahrelang in Österreich augeübten religiösen Funktion als Imam, nur peripher vertraut. Um den (vorwiegend) in der Türkei sozialisierten Predigern die Österreichische Kultur und die in Österreich praktizierten gesellschaftlichen Usancen näherzubringen, hat der Uni-Professor Ednan Aslan im Jahre 2009 den zweisemestrigen Lehrgang "Muslime in Europa" an der Universität Wien initiiert.

"Der Kurs soll Imamen und muslimischen Seelsorgern fundierte Kenntnisse der österreichischen Lebenswirklichkeit vermitteln. Nur so können die Imame den Mitgliedern ihrer Moscheegemeinden passende Antworten auf lebensnahe Fragen und Probleme geben. Denn die Gläubigen leben ja in Österreich und nicht in der Türkei oder in Ägypten", erläutert Aslan, der durch den Uni-Kurs auch einen starren, kulturell determinierten Blick von "außen auf Österreich" abbauen will.

Zweijähriger Lehrgang

Für das kommende Wintersemester plant Aslan eine offizielle Imam-Ausbildung in Form eines Bachelor-Studiengangs an der Uni-Wien. "Wir arbeiten am Institut für islamische Studien seit einem Jahr das Konzept für eine auf die österreichische Gesellschaftsordnung abgestimmte theologische Ausbildung für Imame aus." Am Ende des Jahres soll das Konzept fertig sein, dann werde es eine fundierte Imam-Ausbildung am Theologischen Institut geben. Der zweijährige Lehrgang bringt einen Bachelor-Titel. Der Bedarf für eine derartige Ausbildung sei "mehr als vorhanden".

Grundsätzlich gibt es für Imame keine standardisierte Ausbildung. Laut Aslan könnte das "Auswendiglernen der heiligen Texte via Youtube" reichen, um sich in einer Moschee als Imam zu präsentieren. Die Gefahr, dass fundamentalistisch eingestellte Gläubige so ihre Botschaften innerhalb eines anerkannten Rahmens weitergeben, ist für Aslan evident. Wie viele dieser "selbsternannten Imame" in Österreich aktuell agieren, ist offiziell nicht bekannt. Auch das Innenministerium verfügt über keine validen Zahlen. "Vor dem 11. September wurde die Problematik von der Politik kaum beachtet. Heute werden religiös gefärbte extremistische Dynamiken aufgrund der vergangenen Terroranschläge ernst genommen." Aslan: "Wir müssen gemeinsam mit der Politik versuchen, radikale Tendenzen noch im Keim zu ersticken."

(Andreas Schiller, DER STANDARD, 20.6.2013)

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