Rund um die Murphy Ranch

19. Juni 2013, 17:06
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"Eschscholzia Californica", die kalifornische Mohnblume: Unter diesem Titel breitet Marius Engh ein spannendes Geschichtennetz aus

Wien - Eine Nazi-Ranch in Kalifornien? Schon allein die Behauptung, dass eine solche in den 1930er-Jahren existiert haben soll, macht auf die Ausstellung von Marius Engh neugierig. Fotografien zeigen Ansichten des Geländes sowie jene Teile der sogenannten Murphy Ranch, die das große Mandeville-Canyon-Buschfeuer im Jahr 1978 übrigließ. Ihre wechselvolle Geschichte scheint von Anfang an mythenumwoben gewesen zu sein: Schließlich konnte man nie mit Gewissheit sagen, wer eigentlich Murphy war.

Belegt ist hingegen, dass Winona and Norman Stephens das Grundstück 1938 erworben haben. Das mit den Nazis sympathisierende Ehepaar stand unter dem Einfluss eines angeblich "überirdischen" Deutschen, der die Ranch als Kommandozentrale und Hort der Nazis betrachtete.

Laut Aufzeichnungen wurde dieser am Tag nach Pearl Harbor verhaftet. 1948 trat Huntington Hartford auf den Plan: Der Erbe einer Supermarktkette gab dem Architekten Frank Lloyd Wright den Auftrag, die Ranch in eine Künstlerkolonie umzugestalten.

Was sich hier sehr linear anhört, bereitet Marius Engh in seiner Ausstellung in der Galerie Emanuel Layr allerdings um einiges assoziativer auf: Auf atmosphärische Aufnahmen des Anwesens hat der Künstler Zeitungsausschnitte geheftet, dazu historische Fotografien, aber auch ein Päckchen mit dem Samen jener orangefarbenen Mohnblume, die für die kalifornische Landschaft so typisch ist.

In Enghs dichtem Netz an ausgelegten Bezügen (eine zur Ranch führende Treppe erinnert etwa an Szenen aus dem Film Kill Bill) erschließt sich jedoch nicht jeder Hinweis sofort: Auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie sieht man etwa William Dudley Pelley, den Begründer einer faschistischen US-Organisation. Mit einem mehrere Meter langen Relief von Pelleys Profil spielt der Künstler wiederum auf Mussolinis Größenwahn an.

Huntington Hartford, der letzte private Besitzer der Ranch und Begründer der Künstlerkolonie (Gäste waren u. a. Max Ernst und Edward Hopper) tritt in dieser Geschichte zunächst noch als Lichtgestalt auf. Sein Buch Art or Anarchy? (1964), das Teil von Enghs sehenswerter Ausstellung ist, weist aber auch ihn als moralinsauren und konservativen Zeitgenossen aus.  (Christa Benzer, DER STANDARD, 20.6.2013)

Bis 3. 8., Galerie Emanuel Layr, An der Hülben 2, 1010 Wien

 

  • Kalifornien: Marius Enghs "Aloe Succotrina" (2013). 
    foto: galerie layr

    Kalifornien: Marius Enghs "Aloe Succotrina" (2013). 

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