Weit und breit kein Stacheldraht

19. Juni 2013, 10:31
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Das arabische Dorf Barta'a wird von einem staubigen Schottergraben geteilt. Die Zukunft der Jugendlichen hängt davon ab, auf welcher Seite sie geboren wurden. Eine jüdische Jugendgruppe hat die dortigen Kinder zwei Monate lang unterrichtet. Deren Schicksal ist das einer ganzen Region.

Barta'a - Auf den ersten Blick wirkt Barta'a wirkt wie ein gewöhnliches arabisches Dorf, wie es sie im Norden Israels zuhauf gibt: Die Straßen sind schmutzig, die Häuser schön und groß gebaut, die Frauen tragen Kopftücher, und auf dem Markt grillen junge Männer ihr Fleisch am offenen Feuer.

Doch in Barta'a liegt auch die gesamte Geschichte, Zukunft und Tragik des Nahostkonflikts vereint - in einem kleinen, staubigen Schottergraben, der das Dorf in zwei Hälften teilt. Mitten durch Barta'a führt die "grüne Linie", die das international anerkannte Staatsgebiet Israels von den besetzten Gebieten trennt. Der Name rührt von der grünen Tinte, die 1967 nach Ende des Sechstagekriegs verwendet wurde, um die Grenzen zu markieren.

"Araber von 48"

Auf der israelischen Seite, nicht einmal 50 Meter von der grünen Linie entfernt, liegt die Mittelschule, wo wir für die nächsten zwei Monate den Kindern spielend Englisch beibringen und verschiedene Workshops leiten. Wir, das sind eine Gruppe jüdischer Jugendliche aus Europa und Amerika.

Die Bewohner Barta'as gehören alle demselben Clan an, und dennoch leben sie in konträren Welten: Ungefähr 40 Prozent der achttausend Einwohner sind israelische Staatsbürger, die sich frei im ganzen Land bewegen können. Die übrigen 60 Prozent leben auf der anderen Seite. Sie haben palästinensische Dokumente und dürfen damit nicht einmal den Schottergraben überschreiten, wenn sie keine Extra-Einreisegenehmigung haben. Von den Arbeitschancen bis hin zur medizinischen Versorgung ist das Leben jenseits des Grabens ungleich schwieriger.

Ein ganz normaler Anblick

Während es zwischen Juden und israelischen Palästinensern teilweise zu großen Spannungen im Alltagsleben kommen kann, sind wir Jugendliche in unseren blauen Hemden mit den großen Davidsternen am Rücken für die Bewohner von Barta'a mittlerweile ein ganz normaler Anblick.

Nach der Schule werden wir zu den Kindern nach Hause zum Essen eingeladen und übernachten anschließend bei den Familien. Jedes Jahr findet dieses Projekt statt, und jeder im Dorf heißt uns willkommen.

Für uns ist es dabei außerordentlich spannend, die Kinder von Barta'a kennenzulernen. Schon bald haben wir gemerkt, dass sie mit einer gespaltenen Identität aufwachsen. Sie zählen zu den sogenannten "Arabern von 48", also denjenigen Palästinensern, die nach der Gründung des Staates Israels 1948 weiter im Land geblieben sind. Ob die Jugendlichen nun Israelis sind - wie es in ihren Pässen steht -, Palästinenser oder israelische Palästinenser, da gehen die Meinungen auseinander. Insgesamt sind rund 20 Prozent der acht Millionen israelischen Staatsbürger palästinensischer Herkunft.

"Stolz in Israel zu leben?"

Von der Schule aus ist es offiziell verboten, über den Nahostkonflikt zu sprechen, aber auf Wunsch der Kinder brechen wir die Regeln. "Seid ihr stolz darauf, in Israel zu leben?", möchte ich von den Schülern wissen. Zenab (15) kann da nur schmunzeln: Sie fühlt sich als israelische Palästinenserin nicht gleichberechtigt und würde lieber in Paris oder Berlin leben. Tasnim (15) ist anderer Meinung: Sie ist stolz darauf, Israelin zu sein, und möchte nach der Schule in Tel Aviv studieren.

Barta'a ist ein traditionell religiöses Dorf. Alle Frauen und einige unserer Schülerinnen tragen Kopftuch. Sie dürfen abends nicht alleine das Haus verlassen, und der Körperkontakt zum anderen Geschlecht ist strikt untersagt. Dass wir jüdisch sind, finden die Kinder nicht komisch, wir müssen uns aber aus Respekt vor den religiösen Schülern in der Hitze komplett bedecken.

Doch selbst die größten Kulturunterschiede kann man überbrücken: Als wir in einer Unterrichtsstunde mit den Schülern das Lied Imagine singen, werden ihre Augen ganz groß, und wir unterhalten uns anschließend in brüchigem Englisch über ein friedliches Miteinander.

Auch für uns ist das ein Moment, in dem uns klar wird, dass man in Israel oft ein falsches Bild von den Intentionen der arabischen Minderheit hat. Ihr wird oft nachgesagt, gegen den Staat Israel zu sein und die jüdisch-israelische Kultur zu verachten.

Nach der Schule gehe ich zu einer Familie nach Hause zum Mittagessen, das in Wirklichkeit drei volle Mahlzeiten in einer getarnt ist. Der Tisch ist überfüllt mit Salaten, Hühnerfleisch, Lamm Kebab und Reisgerichten. Nur das Wasser fehlt, das trinkt man in der arabischen Tradition nämlich erst nach dem Essen.

Hebräisch erhöht das Prestige

Die Eltern der Kinder freuen sich sehr, mit uns Hebräisch sprechen zu können. Obwohl Arabisch eine der beiden Nationalsprachen ist, erleichtert Hebräisch nicht nur das Leben in Israel, sondern erhöht auch das Prestige.

Im Fernsehen läuft gerade eine Live-Übertragung aus Mekka von der "Haddsch", der großen Pilgerreise im Islam. Für mich ein Anlass, etwas mehr über den Islam zu erfahren und uns über unsere verschiedenen Traditionen auszutauschen, die sich im Grunde nicht so sehr unterscheiden von anderen Religionen.

Auf dem Schulweg überqueren wir dann kurz den Schottergraben, um im palästinensischen, billigeren Teil des Markts noch eine Jause zu kaufen. Den Kindern scheint kaum bewusst zu sein, was für eine wichtige Grenze wir da überschreiten.

Zahlreiche Freundschaftsanfragen von Kindern

Das Bildungsprojekt endet nach zwei Monaten mit einer großen Vorstellung, zu der auch die Familien der Kinder eingeladen sind. Als wir Barta'a schließlich verlassen und ich auf mein Facebook-Profil schaue, habe ich plötzlich zahlreiche Freundschaftsanfragen von den Kindern bekommen. Der Kontakt zu ihnen wird also erhalten bleiben, und ich werde weiterhin ihr spannendes und kompliziertes Leben verfolgen können, für das sich sowohl wir als auch sie eine Lösung erhoffen. Ihr Schicksal ist schließlich das Schicksal einer ganzen Region. (Isabel Frey, DER STANDARD, 19.6.2013)

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