Obama hat Deutschland als EU-Schatzmeister im Visier

19. Juni 2013, 05:30
18 Postings

US-Politologe Mallory sieht mehr Bürden auf Europa und somit auch auf die Berliner Regierung zukommen

Amerika hat keinen besseren Partner als Europa." Dies sagte US-Präsident Barack Obama 2008, bei seinem ersten Besuch in Berlin, der Jubel war groß. Doch dann kam er jahrelang nicht mehr in die deutsche Hauptstadt, was dort viel Frust auslöste.

Dieser ist für Charles King Mallory IV, den Direktor des Berliner Aspen- Instituts, nur bedingt nachvollziehbar: "In der Politik geht es um nationale Interessen und nicht um Promi-Shows. Außerdem ist die Zusammenarbeit auf anderen Ebenen konstant und gut. Partner wie die USA und Europa wissen zudem, dass sie sich aufeinander verlassen können", sagt er zum Standard.

Und überhaupt: "Nach seiner ersten Wahl hatte Obama ein enormes Pensum zu bewältigen. Die USA zogen aus dem Irak ab, leiteten den Abzug der Truppen aus Afghanistan ein, es gab eine Auto- und eine Bankenkrise - kurzum, es stand anderes im Fokus."

Aber jetzt ist Obama ja da - und die Erwartungen an seine zweite Berliner Rede sind groß. Mallory, der dem Thinktank zur Förderung der transatlantischen Beziehungen seit 2007 vorsteht, hat eine Vorstellung, was Obama im rhetorischen Rucksack haben wird: "Ich hoffe, dass er uns eine neue Richtlinie geben und die transatlantischen Beziehungen neu definieren wird."

Denn vor 50 Jahren, als John F. Kennedy in Berlin sprach, waren die Rollen noch klar verteilt: Westdeutschland (mit Westberlin) steht klar an der Seite der Amerikaner, die USA brauchen Deutschland als Bollwerk gegen die Sowjetunion in Europa.

Diese Weltordnung jedoch existiert nicht mehr. Mallory rechnet damit, dass Obama den Deutschen und auch den Europäern (einmal mehr nach 2008) klarmachen wird, dass die USA viele Lasten nicht mehr alleine tragen wollen.

Europa wird stärker gefragt

"Nach dem Abzug aus Afghanistan werden sich die USA in den nächsten zehn Jahren weniger militärisch engagieren. Da ist Europa stärker gefragt und mit ihm natürlich Deutschland als Schatzmeister", sagt Mallory.

Obama billige Deutschland "eine wesentliche Rolle innerhalb Europas" zu und schätze zudem Kanzlerin Angela Merkel "als eine sehr solide Gesprächspartnerin". Mallory: "Merkel ist wie viele Menschen im Mittleren Westen der USA. Sie sagt einem einfach, wie die Dinge laufen und wie sie nicht laufen - solide und schwäbisch sozusagen."

Zudem hat sich für Mallory eines seit 1945 in Deutschland und den USA nicht geändert: "Unser gemeinsamer Glaube an die Freiheit ist der Ausgangspunkt für Wohlstand." Diese "Wertegemeinschaft" erlaube es, "Probleme gemeinsam zu lösen", ob im Nahost- oder im Nordkorea-Konflikt.

Eine Hoffnung, die oft in Deutschland geäußert wird, teilt Mallory allerdings nicht: dass das geplante Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA eine Rückbesinnung der USA auf Europa sei und Asien daher für den "pazifischen Präsidenten" Obama an Bedeutung verliere: "Die USA werden knallhart Europa gegen den Pazifikraum ausspielen", sagt er und fügt hinzu: "Dort gibt es ja auch Verhandlungen. Und wir werden weiterhin einfach unsere Interessen vertreten." (bau, DER STANDARD, 19.6.2013)

  • Charles King Mallory IV leitet das Deutsche Aspen Institute in Berlin.
    foto: pro.media

    Charles King Mallory IV leitet das Deutsche Aspen Institute in Berlin.

Share if you care.