Der Besuch eines entfremdeten Freundes

19. Juni 2013, 05:30
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Erstmals seit fünf Jahren ist Barack Obama wieder in Berlin. Die Deutschen erhoffen neue Impulse für die transatlantische Freundschaft

Studenten, die als zottelige Berliner Bären posieren, Brezelverkäufer, sogar die grässlichen Bierbikes - alle sind sie weg. Der Pariser Platz ist leer gefegt, die Bühne steht bereit.

Am Mittwoch wird hier vor dem Brandenburger Tor endlich Barack Obama sprechen. In Berlin ist man sehr erleichtert, dass der charismatische US-Präsident endlich in die deutsche Hauptstadt kommt - sozusagen mit mehrjähriger Verspätung.

Natürlich hielt sich Obama seit seinem Amtsantritt 2009 schon mehrmals in Deutschland auf. Er war in Dresden, in Baden-Baden, im KZ Buchenwald. Aber er war eben noch nie zu einem offiziellen Besuch in der Hauptstadt Berlin. Als er dort im Sommer 2008 eine große Rede hielt, tat er dies noch als Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Eigentlich hatte Obama schon damals vor dem Tor zu den Berlinern sprechen wollen. Aber Merkel passte das nicht. Zwar hatte die Begeisterung für Obama auch weite Teile der CDU erfasst. Aber offiziell musste diese natürlich die Flagge für die Republikaner hochhalten.

Fotos für Merkels Wahlkampf

Obama war verschnupft und "rächte" sich dann an der Siegessäule. Seine fulminante Rede vor 200.000 Berlinern kam so gut an, dass Merkels " Torverbot" umso kleinlicher wirkte.

Fünf Jahre später ist dies alles vergessen und vergeben. Obama spricht nicht nur vor dem Brandenburger Tor, er sorgt auch noch selbst für ein dreifaches Upgrade des Termins: Ehefrau Michelle kommt auch mit, und die Rede findet mitten im Bundestagwahlkampf statt, was Merkel gut passt.

Zudem schlägt Obama einen historischen Bogen zum Auftritt eines seiner Vorgänger, der jedem Westberliner über 60 Jahren noch heute Tränen der Rührung in die Augen treibt: Im Juni 1963, also vor genau 50 Jahren, hatte John F. Kennedy im Westteil der geteilten Stadt seine Solidarität mit den berühmten Worten "Ich bin ein Berliner" bekundet.

"Obamania" vorbei

So spektakulär wird es heute wohl nicht. Zwar hat Obama in Deutschland immer noch hohe Zustimmungswerte, doch sowohl Volk als auch Politik können ihre Enttäuschung nicht verhehlen.

Das umstrittene Gefangenenlager Guantánamo hat Obama immer noch nicht geschlossen, misstrauisch beäugen die Deutschen den Einsatz unbemannter Drohnen im Antiterrorkrieg. Dass die USA den Deutschen am Höhepunkt der Wirtschaftskrise empfahlen, nicht so sehr zu sparen, trug auch nicht zur besseren Stimmung bei. Für Empörung sorgt nun auch das US-Spähprogramm Prism, Merkel hat angekündigt, dass sie darüber mit dem Präsidenten sprechen will.

Hinwendung zu Asien

Zwar versicherte Obama vor zwei Jahren bei der Verleihung der Freiheitsmedaille an Merkel in Washington, Deutschland sei "einer unserer engsten Verbündeten". Allerdings ist auch Berlin die Hinwendung Obamas zu Asien nicht entgangen, ebenso wenig der pompöse Empfang, den Obama vor Kurzem dem neuen chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping bereitet hat. Die Hoffnung in Berlin ist daher klar: Man möchte gerne ein deutliches Bekenntnis des US-Präsidenten zu Deutschland und Europa hören. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 19.6.2013)

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    Die Familie Obama bei ihrer Ankunft am Flughafen Berlin Tegel.

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    "I'll be back": 2008 hatte Barack Obama vor der Siegessäule gesprochen. Bis zum zweiten Berlinbesuch vergingen fünf Jahre.

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    Die "Obamania" hat sich gelegt.

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